"Hätten AUA mehr Platz für Expansion gegeben"

8. Dezember 2005, 18:09
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Air-France-Chef Jean-Cyril Spinetta und sein Kollege bei KLM, Leo van Wijk, können im STANDARD-Interview Positives über die Fusion berichten

STANDARD: Ein operativer Gewinn von 750 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2005, eine deutlich gehobene Prognose für das Gesamtjahr - bisher nur gute Nachrichten bei der Air France/KLM-Gruppe. Wird die Partnerschaft auch in schlechten Zeiten funktionieren?

Jean-Cyril Spinetta: Ja, wir erleben gegenwärtig wirklich gute Zeiten. Und wir sind in der Lage, unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken. Das Ergebnis zeigt die Effizienz unserer Gruppe und ist die beste Leistung, welche wir in den letzten acht Jahren verzeichneten. Die Auslastung unserer Flugzeuge liegt um einiges höher als diejenige vieler Mitbewerber. Viele unserer Flüge sind zu 100 Prozent ausgebucht und nehmen nun Marktanteile von anderen weg. Aber unsere Partnerschaft wird in schlechten Zeiten noch mehr von Nutzen sein. Und wir sehen ja, wie es Fluglinien in anderen Ländern ergeht, welche nicht so gute Resultate erzielen wie wir.

Leo Van Wijk: Zudem sind wir eigentlich erst am Beginn, an dem wir die Ressourcen unserer Synergien ausschöpfen, etwa bei der Zusammenführung der Verkaufsorganisationen. In den nächsten zwei bis drei Jahren wird hier noch sehr viel umgesetzt. Für das Geschäftsjahr 2005/06 erwarten wir Synergien im Wert von 295 Millionen Euro. Wir sind selbst davon überrascht, dass diese so schnell zur Geltung kommen.

STANDARD: Kritische Stimmen befürchten, dass der Name KLM verschwinden könnte.

Spinetta: Ich glaube, das ist nicht notwendig. Wir haben damals bei der Ankündigung unserer Fusion (im Mai 2004, Anm.) gesagt, dass der Name KLM auf jeden Fall bis 2012 bleibt. KLM ist seit 80 Jahren eine starke Marke, zusammen mit Air France haben wir zwei kraftvolle Namen. Ich sehe auch nach 2012 den Brand KLM weiterhin existieren.

STANDARD: Lufthansa hat Swiss übernommen. Wird das funktionieren?

Van Wijk: Es ist noch zu früh, darüber zu urteilen. Der Verbund Lufthansa/Swiss ist gänzlich anders als der von Air France/KLM. Swiss wurde zu einer kleinen Fluglinie zusammengeschrumpft, bei uns wurden zwei Unternehmen in bestehender Form zusammengeführt. Aber wann immer wir das so erklären, ist es nicht leicht für uns, dass wir dabei nicht arrogant wirken.

STANDARD: Glauben Sie, dass nun die Konsolidierung und Fusionierung der europäischen Luftfahrt schneller stattfinden wird?

Van Wijk: Das sehe ich nicht. Wenn Sie die drei gegenwärtigen Kombinationen betrachten (British Airways, Air France/KLM und Lufthansa, die größten Fluglinien Europas, Anm.), so zeichnet sich hier nicht ab, dass es bald zu Fusionen kommen wird - sei es zwischen Austrian Airlines und Lufthansa oder Iberia und British Airways. Und das ist nicht schlecht für uns, denn das gibt uns mehr Zeit, unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter auszubauen.

STANDARD: Sie wollten die AUA seinerzeit unbedingt in die um Air France/KLM angesiedelte Allianz Skyteam aufnehmen. Haben sich die Österreicher falsch entschieden?

Spinetta: Ich möchte nicht kommentieren, ob sich die AUA heute in der richtigen Allianz befindet oder nicht. 1999 hatten wir uns sehr bemüht, die AUA für Skyteam zu gewinnen. Es war damals eine sehr weise Entscheidung der Österreicher, die Qualyflier-Allianz und Swissair zu verlassen. In Skyteam hätte die AUA aber mehr Raum bekommen, um in Richtung Osteuropa zu expandieren, als sie heute in der Star Alliance hat. Nun ist es so, dass die Austrian-Partner-Flughäfen wie München und Frankfurt in unmittelbarer Umgebung von Wien sind. Im Skyteam wäre mehr Abstand zwischen den Drehkreuzen gewesen.

STANDARD: Wie hoch ist der Marktanteil der mit 566 Flugzeugen größten Fluglinie Europas, Air France/KLM?

Spinetta: Im Passagierverkehr liegt unser Anteil in Europa bei 27,5 Prozent, jener von Lufthansa bei 17, der von British Airways bei 16. Ob wir diesen weiter erhöhen, wird auch von der Struktur der Mitbewerber abhängig sein.

Van Wijk: Unsere Strategie ist es nicht, der Größte zu sein, sondern dass wir eine Langzeitposition einnehmen. Aber wir akzeptieren natürlich auch gern den Titel, "Größter" zu sein.

STANDARD: Wie wird sich das Geschäft weiterentwickeln?

Spinetta: Die große Frage ist, wie sich die Märkte präsentieren. Das hängt von der globalen Wirtschaft ab. Das "natürliche" Luftfahrtswachstum bis 2010 von und nach Europa wird ungefähr sechs Prozent betragen. Unser Wachstum wird sich auf die Langstrecke ausrichten. Wir sind heute europäischer Marktführer auf den wichtigsten, wachstumsstärksten Märkten und sehen hier keine Überkapazitäten. Aber selbstverständlich wären wir in der Lage, Kapazitäten jederzeit zu reduzieren, wenn es das Umfeld notwendig macht. Ein Drittel unserer Flotte ist geleast, was die Flexibilität erhöht. Und vergessen Sie nicht, unsere Mitbewerber sind ja mit demselben Problem konfrontiert, aber haben es viel schwerer, dagegen anzukämpfen, als wir.

STANDARD: Die Allianz Skyteam umfasst gegenwärtig neun Fluglinien. Werden Russlands Aeroflot und China Southern Airlines demnächst Mitglieder?

Van Wijk: Aeroflot arbeitet sehr hart daran, die strengen Regeln eines Allianzbeitritts zu erfüllen. Hier sind noch Fragen des Sicherheitsstandards zu klären oder etwa der Einsatz alter Flugzeuge aus russischer Produktion. Für Aeroflot wie für China Southern können wir uns vorstellen, dass diese bald beitreten. Aber in einer Allianz gewinnst du und verlierst du. Wir wollten gerne Japan Air Lines in Skyteam, doch die haben wir an Oneworld verloren.

ZUR PERSON: Jean-Cyril Spinetta (62) ist seit 1997 Chairman und CEO von Air France, die er sanierte und durch die Fusion mit KLM zur größten Fluglinie Europas machte. Sein Kollege Leo van Wijk (59) ist seit 35 Jahren beim fliegenden Holländer tätig, seit 1997 Präsident und CEO von KLM und Vice President der fusionierten Air France/KLM. (Kurt Hoffmann, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.11.2005)

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    Im Gespräch erklären Air-France-Chef Jean-Cyril Spinetta (li) und sein Kollege bei KLM, Leo van Wijk (re), warum der Abstand zu den Mitbewerbern größer wird und die AUA bei Skyteam mehr Exklusivität hätte.

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