"Manchmal dachte ich, ich wäre sie"

12. Dezember 2005, 10:08
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Regisseurin Edith Stohl im Interview über ihre erste eigene Fernseh-
dokumentation zur Friedensnobelpreisträge-
rin Bertha von Suttner

"Jahrelang zierte ein Porträt Bertha von Suttners den Tausend-Schilling-Schein und auch auf den österreichischen Zwei-Euro-Münzen findet sich ein Bild von ihr. Aber die wenigsten wissen, wie spannend und abwechslungsreich das Leben jener Frau verlief, die vor hundert Jahren mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war." - ORF-Regisseurin Edith Stohl hat sich für ihre erste eigene Fernsehdokumentation mit ihrem Kollegen Klaus Hipfl auf Spurensuche von Bertha von Suttner begeben. Im dieStandard.at-Interview schildert sie, was sie am Leben dieser Frau fasziniert und wie sie die Dreharbeiten zur Doku erlebte.

dieStandard.at: „Das unglaubliche Leben der Bertha von Suttner“ ist Ihre erste eigene Fernsehdokumentation – warum haben Sie gerade diese Frau als Thema dafür gewählt?
Edith Stohl: Ihr hundertjähriges Nobelpreis-Jubiläum und die Tatsache, dass ihr Gesicht in Österreich zwar bekannt ist, aber ihre Geschichte kaum jemand kennt und dass sie als erste Frau und erste Österreicherin den Preis erhielt, schien mir Anlass genug, mich näher mit ihr auseinanderzusetzen.

dieStandard.at: Hatten Sie immer schon einen Bezug zu Frauenthemen?
Edith Stohl: Ja, immer schon. Ich habe zum Beispiel auch das Frauenvolksbegehren mitinitiiert und bin Mitglied im Frauennetzwerk Medien. In meiner Arbeit ist mir immer wichtig, dass Menschen im Mittelpunkt stehen, besonders in den Dokumentationen.

dieStandard.at: Sie haben sich detailliert mit dem Leben von Bertha von Suttner beschäftigt. Was hat Sie daran besonders fasziniert?
Edith Stohl: Dass sie unangepasst und selbstbewusst ihren eigenen Weg gegangen ist, und ihr Leben selbst in die Hand genommen hat, in einer Zeit, als es noch kein Wahlrecht für Frauen oder Zugang zu den Universitäten gab. Dafür hat sie sich sogar mit ihrer Familie zerstritten. Den Frauen in ihrem Umfeld war es peinlich, wie sie sich 'aufgeführt' hat, und dass sie ständig Gegenstand von Gerede war. Eine Frau sollte zuhause sein und nicht alleine in der Weltgeschichte herumreisen und für Aufsehen sorgen. Schließlich hat ihr die Familie dann aber doch verziehen. Sie war eine sehr warmherzige, sympathische, mutige Frau mit viel Engagement; eine, die weiß, was sie will und Vorbild für viele - ein "Role Model" würde man/frau heute sagen.

dieStandard.at: Suttners Leben ist ziemlich turbulent und unkonventionell verlaufen…
Edith Stohl: Das kann man wohl sagen – ihre Lebensgeschichte liest sich wie ein Roman: Adeliger Vater heiratet Bürgerliche und stirbt vor Geburt der Tochter 1843. Die Mutter verspielt das Erbe in den Casinos Europas, Bertha reist überallhin mit. Nach unglücklichen Verlobungen ist Bertha mit 30 Jahren noch immer unverheiratet, weil sie nicht hochadelig war und außerdem kein Vermögen besaß. Die Familie rät ihr und ihrer Mutter, sich auf ein privates Gut zurückzuziehen – Bertha aber weigert sich, ihr restliches Leben strickend und häkelnd zu verbringen und wird Gouvernante im Hause Suttner. Dort verliebt sie sich in den jüngsten Sohn und wird gefeuert.

Auf eine Annonce hin nimmt sie eine Stelle als Privatskretärin bei einem reichen älteren Herrn in Paris an – wie sich herausstellt, der berühmte Industrielle Alfred Nobel. Doch die Liebe zum sieben Jahre jüngeren Arthur ist stärker und sie kehrt nach Wien zurück, wo die beiden heimlich heiraten und dann zu einer befreundeten Fürstin nach Georgien durchbrennen.

dieStandard.at: Wie kam sie dann zum Schreiben und zu ihrem Welterfolg „Die Waffen nieder“?
Edith Stohl: Der Erfolg war ihr, wie aus ihrer Geschichte schon hervorgeht, nicht in die Wiege gelegt: Zu schreiben begonnen hat Bertha von Suttner schlicht und einfach aus Geldnot. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, hat ihr Mann Arthur im russisch-türkischen Krieg als Kriegsberichterstatter gearbeitet, das brachte sie auf die Idee, selbst zu publizieren. Unter einem Pseudonym schickte sie Fortsetzungs- und Frauenromane an Zeitungen – und die wurden auch tatsächlich gedruckt.

Als anerkannte Schriftstellerin kehrt sie mit ihrem Mann dann nach zehn Jahren nach Europa zurück. In Paris bei Alfred Nobel hört sie erstmals von einer Friedensbewegung in London, und 1889 erscheint schließlich ihr Erfolgsroman "Die Waffen nieder", der den Nerv der Zeit trifft, weil er schonungslos den Krieg beschreibt. Das Buch wird sofort in 12 Sprachen übersetzt und mit einem Schlag ist Bertha von Suttner weltberühmt. Als glühende Anhängerin Charles Darwins ist sie überzeugt, dass letztendlich die menschliche Gesellschaft auch den Krieg überwinden wird.

Sie war es auch, die Alfred Nobel überzeugte, den Friedenspreis zu stiften und nicht nur den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt im Auge zu behalten. Er wird erstmals 1901 verliehen, selber bekommt sie ihn erst 1905. Bis zu ihrem Tod betätigt sie sich als vielbewunderte Friedensaktivistin, wird aber von anderen auch als "Friedens-Bertha" verspottet. In ihren letzten Jahren ist sie noch sehr aktiv, aber auch häufig durch das Geschehen frustriert. Den Ausbruch des ersten Weltkriegs erlebt sie nicht mehr mit, sie stirbt wenige Tage vor den Schüssen in Sarajevo.

dieStandard.at: Der erste Weltkrieg sprach somit gegen ihre Überzeugung, dass der Mensch den Krieg überwinden werde. Ist Bertha von Suttner in ihrer "Mission" gescheitert?
Edith Stohl: Die Konflikt- und Friedensforscherin Susanne Jalka sagt dazu, dass alleine die Tatsache, dass sich heute viele Menschen zum Thema Konfliktlösung Gedanken machen, ein auf Bertha von Suttner begründeter Fortschritt sei. Sie war damals ein Angriff auf die gesamte Kaste des Militärs, ein Angriff auf das Establishment, und damit Initiatorin für den Friedensgedanken und gegen den Krieg als Lösung für Konflikte. Sie hatte die Fähigkeit, in Menschen Mitgefühl hervorzurufen und erreichte damit einen Domino-Effekt.

dieStandard.at: Wie hat sich die Friedenskämpferin selbst gesehen?
Edith Stohl: In ihren Memoiren beschreibt Bertha von Suttner, dass sie als junges Mädchen eigentlich völlig naiv war und nichts von den politischen Bewegungen und Kriegen ihrer Zeit mitbekommen hatte. Im Kaukasus hat sie ums Überleben gekämpft, unter anderem, indem sie die Frauenromane schrieb, die in der Heimat gerne gelesen wurden. Aber sie hat sich auch intensiv mit den geistigen Strömungen der Zeit auseinandergesetzt, etwas, das von einer Frau ihrer Zeit nicht erwartet wurde.

dieStandard.at: Für die Dreharbeiten zur Doku haben Sie sich auch an Originalschauplätze nach Georgien begeben…
Edith Stohl: Ja, das war sehr spannend für mich, denn ich hatte vorher kein Bild von dem Land. Man hatte mir erzählt, die Georgier seien die "Italiener des Ostens" – gutes Essen, Wein und Mafia. So ähnlich haben wir das auf den Spuren von Bertha von Suttner auch erlebt: Das nach westlichen Standards ausgestattete Hotel, in dem wir nach turbulenter Unterkunftssuche schließlich abstiegen, wurde vom, äußerst zuvorkommenden, Chef persönlich bewacht – wie auch die ganze übrige Stadt…

dieStandard.at: Welches Erlebnis ist Ihnen von ihrem Aufenthalt besonders in Erinnerung geblieben?
Edith Stohl: Der rührende Empfang vor dem ehemaligen Schloss der Fürstin Ekaterina, wo Bertha von Suttner zu Gast gewesen war: Eine zehnköpfige Delegation samt Fernsehteam begrüßte uns und eine Tanzgruppe mit 60 Kindern tanzte mit Kerzen in der Hand eigens für uns etwas vor. In dem ehemaligen Bürgerkriegsgebiet sind BesucherInnen aus dem Westen noch etwas Besonderes, ich wurde sogar vom Fernsehteam interviewt – die Gastfreundschaft war enorm, trotzdem es zu den ärmsten Gebieten dort zählt.

dieStandard.at: Haben Sie aus der eingehenden Beschäftigung mit Bertha von Suttner etwas für Ihr eigenes Leben mitgenommen?
Edith Stohl: Ja, sicher, manchmal dachte ich schon, ich wäre sie! Sie war bei der Arbeit chaotisch und das bin ich auch. Wir haben 16 Sekunden Originalaufnahmen von ihr, da sieht man/frau das Chaos auf ihrem Schreibtisch. "Wer weiß also, welches Genie noch in mir steckt", habe ich zu meinem Chef gesagt, als er mich darauf aufmerksam machte...
(Das Interview führte Isabella Lechner.)

"Das unglaubliche Leben der Bertha von Suttner, Friedensnobel-
preisträgerin aus Österreich"

Dokumentation bereits auf ORF 2 ausgestrahlt.

Zur Person:
Regisseurin Edith Stohl

Im Porträt:
Bertha von Suttner

  • Die "echte" Bertha von Suttner,...
    foto: orf
    Die "echte" Bertha von Suttner,...
  • ...jene aus der Doku in jungen Jahren...
    foto: orf
    ...jene aus der Doku in jungen Jahren...
  • ...und im Alter.
    ...und im Alter.
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