Die Rumäninnen und der Preis für die neue Freiheit

6. Dezember 2005, 12:44
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Während die US-Amerikanerinnen bei der Turn-WM in Melbourne abräumten, ist vom ehemaligen rumänischen Glanz wenig geblieben

Melbourne - Anastasia Liukin drehte am Sonntag den Spieß um. Die in Moskau geborene, für die USA turnende 16-jährige Tochter des russischen Doppelolympiasiegers Waleri Ljukin und der Gymnastikweltmeisterin Anna Koschnewa sicherte sich in den Gerätefinali am Schwebebalken und am Stufenbarren jeweils Gold vor ihrer Teamkollegin Chelsie Memmel, die im Mehrkampf triumphiert hatte - mit einem Tausendstelpunkt Vorsprung auf Liukin.

Die USA waren mit vier Goldenen - neben den Genannten triumphierte Alicia Sacramone am Boden - das erfolgreichste Team in "down under", für Slowenien gab es immerhin zwei Titel. Innerhalb weniger Minuten gewannen Mitja Petkovsek am Barren und der 31-jährige Aljaz Pegan, der sich als letzter Turner am Reck durchsetzte. Es war zugleich die letzte Übung nach den alten Wertungsvorschriften, denn mit 1. Jänner 2006 wird der Weltverband ein neues Regelwerk einführen. Die Traumnote 10 hat ausgedient, die Turner werden dann A- und B-Noten addieren und mit Weltrekorden für Aufsehen sorgen.

Erstes Gold für Brasilien und die Niederlande

Am Samstag hatten Muskelpaket Yuri van Gelder an den Ringen und Diego Hypólito am Boden jeweils die erste WM-Goldmedaille für die Niederlande und Brasilien erobert. Mehrkampfweltmeister Hiroyuki Tomita hingegen blieb in den Gerätefinali klar unter den Erwartungen. Der überlegene Allroundchampion aus Japan musste sich mit zwei achten Plätzen begnügen. Für China gab es drei Jahre vor den Olympischen Spielen in Peking je einen Titel bei Herren und Damen. Künftig soll Octavian Belu, der erfolgreichste Turntrainer der Welt, die Topathletinnen aus dem Reich der Mitte betreuen. Es seien noch einige Formalitäten zu klären, aber man könne davon ausgehen, dass er im Jänner einen Vertrag unterschreibe, meinte der Rumäne.

Als Chefcoach der Frauen seit 1981 und Nachfolger des schon zu Lebzeiten legendären und mittlerweile in den USA wohnenden Comaneci-Entdeckers Bela Karolyi zeichnete Belu in seinem Heimatland für 272 Medaillen, darunter 104 Goldene, bei Großevents verantwortlich. Im August hatte der wegen seiner rigiden Methoden umstrittene Coach in Bukarest seinen Rücktritt erklärt, nachdem er zuvor die Topstars Catalina Ponor und Alexandra Eremia wegen eines Discobesuchs aus dem Trainingslager verbannt hatte. In Melbourne blieb für die einstige Großmacht nur Bronze durch Ponor am Schwebebalken.

Unruhe und Freiheit Seit Belu samt Assistentin Mariana Bitang den Job hinwarf, herrscht Unruhe hinter den Karpaten. Das Leistungszentrum wurde aufgelöst, die Athletinnen wurden zu ihren Heimtrainern geschickt. Ein interner Formtest fiel so verheerend aus, dass neben Ponor nur Florica Leonida zur WM entsandt worden war.

"Ich habe mehr Freiheit als früher", sagt Ponor. Dass ihr Leistungseinbruch mit diesen Veränderungen zu tun haben könnte, streitet die Schülerin vehement ab: "Ich werde mich wieder verbessern." Die Resultate von Melbourne sprechen dagegen, was selbst Adrian Stoica, Generalsekretär des rumänischen Verbandes, nicht abzustreiten wagt: "Die Lage ist schwierig. Ich glaube aber, dass wir bei der WM 2006 in Aarhus eine starke Riege stellen können."

Der Disziplinfanatiker Belu hatte nie ertragen, dass aus kleinen Turnerinnen früher oder später junge Frauen werden. Der Discobesuch bis in den frühen Morgen ließ das Fass überlaufen, Belu ("Eines Tages hören wir noch von Gruppensex unserer Mädchen") dankte ab. Dabei möchte Catarina Ponor nach ihrer Karriere doch nur als Fotomodell arbeiten, sei es bekleidet oder nicht. Zwei ehemalige rumänische Weltmeisterinnen, Aurelia Dobre und Lavinia Milosovici, haben auf Hochglanz bereits hüllenlos Karriere gemacht und dabei gutes Geld verdient. (DER STANDARD Printausgabe 27.11.2005)

RESULTATE der Gerätefinali der Turn-WM in Melbourne am Sonntag:

Damen:

  • Schwebebalken: 1. Anastasia Liukin (USA) 9,612 - 2. Chellsie Memmel (USA) 9,512 - 3. Catalina Ponor (ROM) 9,500 - 4. Zhang Nan (CHN) 9,487 - 5. Monette Russo (AUS) 9,462 - 6. Anna Pawlowa (RUS) 8,762

  • Boden: 1. Alicia Sacramone (USA) 9,612 - 2. Anastasia Liukin (USA) 9,425 - 3. Suzanne Harmes (NED) 9,212 - 4. Jelena Samolodtschikowa (RUS) 9,162 - 5. Monette Russo (AUS) 9,100 - 6. Emilie Lepennec (FRA) 8,887

  • Sprung: 1. Cheg Fei (CHN) 9,656 Punkte - 2. Oksana Tschusowitina (UZB) 9,418 - 3. Alicia Sacramone (USA) 9,412 - 4. Jelena Zamolodschikowa (RUS) 9,318 - 5. Anna Pawlowa (RUS) 9,237 - 6. Olga Scherbatych (UKR) 9,212

  • Stufenbarren: 1. Anastasia Ljukin (USA) 9,662 - 2. Chellsie Memmel (USA) 9,587 - 3. Elizabeth Tweddle (GBR) 9,575 - 4. Mayu Kuroda (JPN) 9,525 - 5. Fan Ye (CHN) 9,475 - 6. Polina Miller (RUS) 9,462

    Herren:

  • Sprung: 1. Marian Dragulescu (ROM) 9,693 - 2. Leszek Blanik (POL) 9,587 - 3. Alin Jivan (ROM) 9,575 - 4. Anton Golosuskow (RUS) 9,568 - 5. Eichi Sekiguchi (JPN) 9,474 - 6. Filip Janew (BUL) 9,362

  • Barren: 1. Mitja Petkovsek (SLO) 9,700 - 2. Li Xiaopeng (CHN) 9,675 - 3. Yann Cucherat (FRA) 9,662 - 4. Waleri Gontscharow (UKR) 9,575 - 5. Manuel Carballo (ESP) 9,387 - 6. Vasileios Tsolakidis (GRE) 8,450

  • Reck: 1. Aljaz Pegan (SLO) 9,662 - 2. Yann Cucherat (FRA) 9,650 - 3. Waleri Gontscharow (UKR) 9,637 - 4. Fabian Hambüchen (GER) 9,625 - 5. Vlasios Maras (GRE) 9,562 - 6. Xiao Qin (CHN) 9,362

  • Boden: 1. Diego Hypolito (BRA) 9,675 - 2. Brandon O'Neil (CAN) 9,625 - 3. Robert Gal (HUN) und Fuliang Liang (CHN) je 9,587 - 5. Jeffrey Wammes (NED) 9,537 - 6. Eichi Sekiguchi (JPN) 9,437

  • Seitpferd: 1. Qin Xiao (CHN) 9,850 - 2. Ioan Silviu Suciu (ROM) 9,700 - 3. Takehiro Kashima (JPN) 9,687 - 4. Alexej Ichnatowitsch (BLR) 9,650 - 4. Krisztian Berki (HUN) 9,650 - 6. Hongtao Zhang (CHN) 9,475

  • Ringe: 1. Yuri van Gelder (NED) 9,725 - 2. Alexander Safoschkin (RUS) 9,712 - 3. Matteo Morandi (ITA) 9,662 - 4. Tatsuya Yamada (JPN) 9,612 - 5. Danny Rodrigues (FRA) 9,600 - 6. Andrea Coppolino (ITA) 9,550

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      Yuri van Gelder fühlt sich an den Ringen sichtlich zu Hause, Resultat war der Weltmeistertitel für den 22-Jährigen und das erste Gold der Turngeschichte für die Niederlande.

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      Chelsea Memmel am Stufenbarren: Zweimal Silber nach Mehrkampf Gold.

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