Palästinenser öffnen Grenzübergang nach Ägypten

28. November 2005, 14:02
posten

EU-Sicherheitsexperten überwachen Personenverkehr - Tausende verlassen Gazastreifen - "Beginn einer neuen Ära" - Barghuti unter Siegern von Fatah-Vorwahl

Rafah - Nach der Öffnung des Grenzübergangs Rafah für den Personenverkehr haben Bewohner des Gazastreifens am Samstag erstmals seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 das Gebiet ohne israelische Kontrollen verlassen können. Mindestens 2.000 Menschen passierten den Grenzübergang, der unter EU-Beobachtung von ägyptischen und palästinensischen Beamten kontrolliert wird.

Tausende verlassen Gazastreifen

Schon Stunden vor Öffnung des Grenzterminals standen etwa tausend Menschen zur Ausreise nach Ägypten Schlange. Für viele Palästinenser war es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie den etwa 40 Kilometer langen und zehn Kilometer breiten Landstreifen verlassen konnten.

Der EU-Nahostgesandte Marc Otte sagte, die Beobachter der Europäischen Union verstünden sich als "Partner und Freunde" der Grenzbeamten. "Wir respektieren Ihre Souveränität", sagte er in Anwesenheit des palästinensischen Generals Osama el Assar, der für die Sicherheit des Grenzübergangs zuständig ist. Das Grenzterminal war am Vortag feierlich eingeweiht worden. Es ist das erste Mal, dass die palästinensische Autonomiebehörde in eigener Regie für eine internationale Grenze zuständig ist. Kabinettsminister Mohammed Dahlan sprach von einer großen Veränderung für die Menschen. "Die Leute sehen keine israelischen Soldaten mehr, erfahren keine Erniedrigung und keine schlechte Behandlung", erklärte er.

"Beginn einer neuen Ära"

Die Grenze ist zunächst nur für vier Stunden am Tag offen, später ist ein Betrieb rund um die Uhr geplant. Viele Palästinenser empfinden den Grenzübergang als Tor zur Außenwelt. "Es ist der Beginn einer neuen Ära", sagte der 30 Jahre alte Jihad Zanun, der als erster die Grenzanlage passierte. Die Passkontrolle, die früher Stunden und sogar Tage dauern konnte, war in wenigen Minuten abgeschlossen.

Unter den ersten Reisenden war auch die 52-jährige Naimeh Baja, die im Rollstuhl sitzt. Sie wolle sich in Ägypten am Bein operieren lassen. "Ich bin müde, aber glücklich, weil ich die Grenze zum ersten Mal als Mensch passieren konnte", sagte sie. "Ich bin schon früher gereist und musste immer stundenlang warten." Der 54 Jahre alte Ali Shurab sagte: "Auf diesen Moment habe ich so viele Jahre gewartet." Seit 25 Jahren hätten ihm die Israelis die Ausreise verwehrt.

"Auch ein Test"

"Heute ist der erste Tag. Dies ist auch ein Test. Wir wissen, dass auf der ägyptischen Seite 1500 Menschen warten", sagte der Sprecher der EU-Beobachtereinheit. Um einen ordentlichen Beginn des Betriebs sicherzustellen, seien Gespräche geführt worden. Zur Überwachung der Grenzkontrolle hat die EU bisher 15 Beamte aus Italien, Rumänien, Luxemburg und Dänemark entsandt. Die Einheit soll auf bis zu 70 Beamte aufgestockt werden.

Annan verfolgte offizielle Öffnung "mit Befriedigung"

UNO-Generalsekretär Kofi Annan begrüßte die Öffnung des Grenzübergangs Rafah. Er habe die offizielle Öffnung mit "Befriedigung" verfolgt und spreche den Palästinensern seine Glückwünsche aus, erklärte ein Sprecher Annans am Freitag in New York.

Israel hatte seine Soldaten im September aus dem seit 1967 besetzten Gazastreifen abgezogen. Seitdem war der Grenzübergang in Rafah praktisch gesperrt, nur in humanitären Fällen wurden Ausnahmen gemacht. Israelis und Palästinenser unterzeichneten dann am 15. November unter Vermittlung von US-Außenministerin Rice ein Abkommen zur Wiederöffnung des Kontrollpunkts. Er ist für die 1,3 Millionen Palästinenser im Gazastreifen die einzige Verbindung nach Ägypten und damit die einzige Landverbindung, die nicht über Israel führt.

Barghuti soll auf Wahlliste

Unterdessen entschied die so genannte junge Garde der Fatah nach ersten Ergebnissen die Vorwahl für die Parlamentswahl im Jänner für sich. Unter den Siegern ist auch der in Israel inhaftierte populäre Intifada-Führer Marwan Barghuti. Gewählt wurde zunächst in den Bezirken Ramallah, Nablus, Bethlehem, Jenin und Tubas. In den kommenden Tagen sind weitere Abstimmungen geplant. Das letzte Wort über die Kandidatenlisten hat jedoch der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas. (APA/dpa/AP)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Grenzübergang Rafah wurde für den Personenverkehr geöffnet.

Share if you care.