Lust auf Frankreich

2. Dezember 2005, 17:01
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Zur zweiten Auflage eines unentbehrlichen Lexikons, das Schlüsselbegriffe zu Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Geschichte, Kultur, Presse- und Bildungswesen erklärt

Es steht schon seit Studienzeiten im Büchergestell und war über Jahre hinweg ein unentbehrlicher landeskundlicher Begleiter: Das orangefarbene zweibändige Frankreich-Lexikon der renommierten Romanisten und / oder Frankreichkenner Bernhard Schmidt, Jürgen Doll, Walther Fekl und Siegfried Loewe - der Letztgenannte dürfte jedem Studenten an der Romanistik Wien, wo er französische Literatur und Landeswissenschaften lehrt, ein Begriff sein.

22 Jahre hat sich das Autorenkollektiv bis zum Erscheinen der zweiten Auflage Zeit gelassen, Fritz Taubert, Rechtswissenschafter an der Universität Paris XII, ist als fünfter Mitverfasser hinzugekommen, und was einst zwei Bände umfasste, präsentiert sich heute als ein einziger, voluminöser Band mit stattlichen 1200 Seiten. Beibehalten wurde aber die Grundidee: nämlich allen, deren Interesse an Frankreich über bloßes Oberflächenwissen hinausreicht, ein Nachschlagewerk an die Hand zu geben, das umfassend über alle Aspekte des Landes informiert.

Wirklichkeitsfernes wissenschaftliches Parzellendenken ist den Autoren völlig fremd; Gesellschaft und Politik werden ebenso behandelt wie Wirtschaft oder Kultur. Daneben gibt es auch eine Fülle von Einträgen zur Medienwelt, wobei sich die Bandbreite vom Mainstream (Le Monde, TF 1) bis hin zu sehr französischen Spezialitäten wie dem Canard Enchainé oder Charlie Hebdo spannt. Es versteht sich, dass im Zuge einer Aktualisierung nach so langer Zeit einige Stichwörter über Bord geworfen wurden. Dafür aber ist viel mehr Neues dazugekommen wie etwa ein Artikel über die Atompolitik (Nucléaire), die es schon bei Erscheinen der ersten Auflage gab, damals aber nicht behandelt wurde, oder die Rap-Musik, von der noch niemand etwas wusste, die aber gerade jetzt als kulturelle Ausdrucksform der jungen Banlieue-Bewohner im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht. Und weil dieses Thema schon angesprochen ist: Wer sich nach den jüngsten Unruhen fundiert über die Probleme der Vorstädte informieren wollte, findet natürlich ein Stichwort über die Ban- lieue selbst, von dem er weiter auf die soziale Ausgrenzung (Exclusion Sociale), den sozialen Wohnungsbau (HLM, Habitation à loyer modéré), die Einwanderung (Immigration) sowie die "Neuen Städte" (Villes Nouvelles) im Umfeld der alten Siedlungszentren verwiesen wird. Unter jedem Stichwort gibt es weitere Querverweise, sodass sich der Leser bequem bis zum erwünschten Vertiefungsgrad seines Wissens voranarbeiten kann.

Wer selbst damit noch nicht zufrieden ist, findet nach den meisten Einträgen chronologisch angeordnete bibliografische Angaben zum jeweiligen Thema. Hinweise auf Frankreich-Fundstellen im Internet, viele Grafiken und Tabellen sowie umfangreiche Personen- und Sachregister runden das Buch ab. Weil der Band mit seiner reichen inneren Verweisstruktur quasi nach dem Hypertext-Prinzip funktioniert, wäre wohl auch eine CD-ROM ein sehr geeignetes Medium zu seiner Verbreitung.

Das Frankreich-Lexikon vermittelt einen lebendigen Eindruck vom unglaublichen kulturellen und zivilisatorischen Reichtum dieses Landes, der in der medialen Alltagsberichterstattung leider häufig hinter dem Lamento über soziale Probleme und politische Sklerose verschwindet. Vor allem aber lässt es sich nicht nur als ein wertvolles Nachschlagewerk verwenden, sondern auch als ein inspirierendes Lesebuch, das unweigerlich Lust auf Frankreich macht. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.11.2005)

Von Von Christoph Winder

Bernhard Schmidt, Jürgen Doll et. al., Frankreich-Lexikon. Schlüsselbegriffe zu Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Geschichte, Kultur, Presse- und Bildungswesen. 2., überarbeitete Auflage, € 131,60/1222 Seiten. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2005
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