Begegnungen mit dem Bösen

27. November 2005, 10:00
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Ein neues Sachbuch zur Frage "Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" und ein Roman über die Versuchung des Bösen

Das Bedürfnis nach kollektivem Aufgehobensein und nach Verantwortungslosigkeit enthält, so scheint mir, das größte Potenzial zur Unmenschlichkeit; aus ihm resultiert die gefühlte Attraktivität einer klaren Aufteilung der Welt in Gut und Böse, Freund und Feind, zugehörig und nicht zugehörig. Hier hat auf beiden Seiten der Individuen die Eskalation der Vernichtung ihren Anfang. Und am Ende bedarf es nicht viel, um aus ganz normalen Menschen Massenmörder zu machen", schreibt der Sozialpsychologe Harald Welzer in seinem Buch Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden.

Das Buch untersucht, seriös und kenntnisreich, die Bedingungen und Umstände, unter denen dies geschah, primär anhand von Fakten aus dem Dritten Reich, die Massenerschießungen und -tötungen von Juden im Gefolge des Polen- und des Russlandfeldzuges, in den KZs sowie anhand der Geschehnisse in Jugoslawien und Ruanda, wo die Massenmorde, wie Welzer schreibt, nicht "wissenschaftlich" (d.h. rassentheoretisch), sondern ethnisch begründet waren.

Ein Schlüssel zum Verständnis dieses ungeheuren Vorgangs liegt in dem Wort "normal". Rorschachtests, denen die Hauptakteure des nationalsozialistischen Regimes unterzogen wurden (unter ihnen Goebbels, Göring, Hess), brachten nicht das erhoffte Ergebnis einer "gemeinsamen Persönlichkeitsstruktur von besonders abstoßender Art", sondern führten zu dem Befund, "dass solche Personen weder krank noch einzigartig sind, sondern auch, daß wir sie heute in jedem anderen Land der Erde antreffen würden". Also "normale Menschen", die Planer und die Befehlsgeber wie die Ausführenden, "ganz normale Menschen" wie der Kommandant von Treblinka, Franz Stangl, der noch 1971 völlig von der "Anständigkeit" seiner Handlungen überzeugt ist. Und warum? Weil den "normalen Menschen" ja auch ausmacht, dass er die "Norm" nicht verlässt. Diese Norm nennt Welzer den "Referenzrahmen". Er zeigt, wie sich das Handeln mit dem Referenzrahmen ändert, wie morgen "normal" ist, was gestern noch undenkbar war; "wie Tötungsbereitschaft erzeugt wird und wie das Töten innerhalb weniger Wochen zu einer Arbeit werden kann, die erledigt wird, wie jede andere auch" (Klappentext).

Was dieses Buch so empfehlenswert und lesenswert macht, ist der Umstand, dass die Gräuel und Verbrechen des Dritten Reiches nicht propagandistisch vernutzt werden, das heißt nicht dazu verwendet werden, uns die Gegenwart schönzureden, denn "ganz offensichtlich haben die zwei-, dreihundert Jahre der aufklärerischen Erziehung des (westlichen) Menschengeschlechts ziemlich wenig an jener psychischen Eigenschaft hervorgebracht, die an die Stelle der fraglosen Einfügung in Gruppen treten sollte: Autonomie. Diese nun scheint in der Tat als einziges der Verlockung entgegenzustehen, verantwortungslos Teil eines mörderischen Prozesses zu werden. Autonomie ist freilich kein Produkt von Denken: die Fähigkeit zur Autonomie setzt die Erfahrung von Bindung und Glück voraus. Leider verfügen wir bislang über kein gesellschaftliches Konzept, Menschen jenes lebenspraktische Glück erfahren zu lassen . . ." - und es bleibt zu bezweifeln, ob ein solches "gesellschaftliches Konzept" überhaupt zu finden ist. Denn Glück ist nicht zu schaffen, schon gar nicht von einem Staat oder einer Gesellschaft, aber es ist schon viel, wenn dieser Staat oder die Gesellschaft dem Einzelnen die Glückserfahrung nicht verhindert.

Einem Kind vermittelt sich das, was "normal" ist, zuerst über die Familie. In Jan Guillous Buch Evil. Das Böse, wird diese Familie von einem Vater dominiert, der seinen Sohn Erik täglich verprügelt; das Buch beginnt schon mit einer Prügelszene, man könnte sagen: einem Prügelritual, bei dem Erik schon im Vorhinein jede mögliche Variante kennt. Erik ist vierzehn, und in der Schule ist er selbst ein Schläger, der seine Schläge so gut einzusetzen weiß, wie er die, geschult durch die Erfahrung mit dem Vater, seines Gegenübers abschätzen kann. Schließlich wird er der Schule verwiesen und kommt auf eine vornehme Eliteschule. Doch statt eines friedlichen Neuanfangs zeigt sich schon bald, dass diese von einem "Rat" beherrscht wird, der die jüngeren Schüler quält.

Wieder begegnet ihm das Ritual der Züchtigung, doch diesmal lehnt er sich dagegen auf. Die Lösung allerdings gelingt erst in der Konfrontation mit dem Vater, deren Ausgang offen bleibt. Jan Guillou ist vor allem als Thriller-Autor bekannt, das Buch ist unterhaltsam geschrieben, störend ist oft die Routine des Autors, die sich vor allem in den Beschreibungen der Kampf- und Prügelszenen zeigt, und manchmal ist das Sentiment etwas zu dick aufgetragen. Wer aber leichte Lektüre nicht scheut, dem sei das Buch trotzdem empfohlen, weil es dem Autor gelingt, gültig eine Entwicklung zu beschreiben, die das Böse nicht nur in den anderen verlagert, den, der einem Böses antut und vor dem man ja weglaufen könnte, was aber, wie das Buch zeigt, keinen Sinn hat, weil es schon dort ist, wo man hinkommt - sondern zeigt, dass die Entscheidung gegen das Böse vor allem in einem selbst liegt; ob man so wird wie das, was einem begegnet ist (als Norm) und einen gequält hat oder nicht. Das aber ist die Entscheidung für oder gegen die oben erwähnte "Autonomie". (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.11.2005)

Von Alfred Goubran
  • Harald Welzer: "Täter. Wie aus ganz normalen 
Menschen Massenmörder werden."€ 20,50/336 Seiten. Fischer, Frankfurt/Main 2005.
    buchcover: fischer

    Harald Welzer:
    "Täter. Wie aus ganz normalen
    Menschen Massenmörder werden."
    € 20,50/336 Seiten. Fischer, Frankfurt/Main 2005.

  • Jan Guillou: "Evil. Das Böse."Aus dem Schwedischen 
von Gabriele Haefs. € 20,50/384 Seiten. Hanser,
München 2005
    buchcover: hanser

    Jan Guillou:
    "Evil. Das Böse."
    Aus dem Schwedischen
    von Gabriele Haefs. € 20,50/384 Seiten. Hanser,
    München 2005

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