Pamela L. Travers: "Mary Poppins"

25. November 2005, 20:45
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Plötzlich war sie da, Mary Poppins. Das war 1934, und der Ostwind hatte sie in Londons Cherry Lane geweht, vor die Tür der Familie Banks...

Plötzlich war sie da, Mary Poppins. Das war 1934, und der Ostwind hatte sie in Londons Cherry Lane geweht, vor die Tür der Familie Banks. So lässt Pamela L. Travers, 1899 bis 1996, gebürtige Australierin, erfolgreiche Romanautorin, ihr erstes Kinderbuch beginnen.

Schon das Leben der Familie Banks, vor dem Zweiten Weltkrieg, ist erstaunlich, denn der Vater kann sich Frau und vier Kinder Haus und Köchin, Zimmermädchen und Gärtner leisten, sucht nun noch dazu ein Kindermädchen und findet Mary Poppins, die Erstaunlichste von allen. Sie ist die erste zauberkräftige Alltagsperson in der Kinderliteratur.

Lewis Carroll, George MacDonald und Edith Nesbit hatten die Prototypen der fantastischen Erzählungen entworfen. Das waren und sind mächtige Gestalten, aber eben Zauberwesen, keine Menschen, keine vollkommen irdische Frau wie Mary Poppins, die sich dem Alltag vor allem der älteren Banks-Geschwister, Jane und Michael, anpasst, mit Schürze, Strenge und Schirm, vom ersten Augenblick an Zauberhaftes tut, es aber immer wieder hartnäckig leugnet.

Nein, wie käme eine so hochanständige Person wie Mary Poppins dazu, mit den Kindern unter der Stubendecke zu schweben? Wie käme sie dazu, mit ihnen geradewegs in das Sommerbild des Straßenmalers hineinzumarschieren? Wie kann ein Kind nur behaupten, ihre Reisetasche sei leer gewesen, wo sie doch Stück für Stück ihren ganzen Hausrat samt Stehlampe herausgeholt hatte?

So begreifen die Kinder sofort: Mary Poppins hat ihr Geheimnis, und es hat keinen Sinn, danach zu fragen. Und das ist das nächste Geheimnis: Obgleich Mary Poppins stets proper und wohlanständig ist und so barsch und knurrig wie Carrolls Raupe mit den Geschwistern umgeht, obgleich sie strikten Gehorsam verlangt und stets in kühler Distanz, ohne den Hauch einer Zärtlichkeit, bleibt, lieben sie die Geschwister auf der Stelle und unbedingt, noch bevor sie ihnen ihre anarchische Gegenwelt öffnet, ihnen die köstliche Freiheit von den Regeln der britischen Kinderwelt bietet.

Der Preis: Schweigen. Und immer wieder flugs in die Rolle des braven Kindes schlüpfen. Obgleich Mary Poppins niemals Moralpredigten hält, begreifen die Geschwister in der Spannung dieses Doppellebens mehr und tiefer als zuvor, was Treue, Wahrhaftigkeit, Aufmerksamkeit, Bescheidenheit und Freundschaft bedeuten, ja: wie wir mit der ganzen Schöpfung zusammenhängen und von ihr abhängen und welche Verpflichtungen das mit sich bringt.

Mary Poppins weht wieder davon, aber sie kommt wieder, und sie bleibt in der Erinnerung der Kinder, die auch nur einmal von ihr gelesen hatten. Das war 1935 auch in Deutschland möglich, wo Mary Poppins als Jungfer Putzig offenbar missverstanden und in den Nazijahren ohnehin ihrer schwer zu greifenden Aufsässigkeit gegen jede angemaßte Autorität und Dummheit wegen nicht gelitten wurde. Erst ab 1952 verlegte Cecilie Dressler "Mary Poppins" und alle folgenden Bände. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.11.2005)

Von Sybil Gräfin Schönfeldt
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    foto: süddeutsche junge bibliothek
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