Das Komponieren von Lebewesen

1. Dezember 2005, 17:00
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Zum Finale von Wien Modern wird am Sonntag Beat Furrers Musiktheater "Fama" gezeigt - Der Schweizer Komponist im STANDARD-Gespräch

Beat Furrer im Gespräch mit Ljubisa Tosic über schlimme Erfahrungen mit Orchestern, über Ruhebedürfnisse und die Lust am Dirigieren.


Wien - Irgendwann wird es passieren. Irgendwann wird eine Musikgeschichte der letzten 30 Jahre geschrieben werden, und zweifellos wird auch über Beat Furrer, den zum Wiener mutierten Schweizer, der einst aus Schaffhausen in eine Stadt kam, die "mir sehr fremd war", einiges gesagt werden. Unter welchem Begriff man seine oft zu introvertierter Intensität neigende Kunst subsumieren wird, weiß Furrer nicht. Er hofft, dass man ihn mit Stilbegriffen überhaupt verschont; dass er als Komponist des Leisen gilt - das ärgert ihn schon jetzt.

"Ein Begriff wie ,Zweite Moderne' etwa wäre mir nicht recht. Wo setzen wir das Ende der ersten Moderne an? Schon eher würde ich mich als jemanden bezeichnen, der sich nicht mit dem zufrieden gibt, was einmal funktioniert hat. Besonders als junger Komponist erlebt man ja Ablehnung auch vonseiten der Orchester. Der Umgang mit Kollektiven ist schwer, wenn man nicht in der Position ist, auf Bedingungen Einfluss zu nehmen."

Da habe man dann "eine bis eineinhalb Proben und kommt nie über die technische Seite des Werkes hinaus, dorthin, wo Musik eigentlich beginnt. Nach einer frustrierenden Aufführung hatte ich auch beschlossen, kein Orchesterstück mehr zu schreiben. Aber das ist keine Lösung. Man muss sich mit diesem Tutti-Phänomen befassen, ohne jedoch in Pragmatismus zu verfallen, den viele - ich will keine Namen nennen - als Ausweg suchen. Sie bedienen quasi einen Apparat; das sind Werke, die niemand braucht."

Schließlich hat Musik für Furrer etwas, das "die alltägliche Ordnung des Lebens gefährdet, deswegen könnte ich mir eine harmlose Musik nicht vorstellen. Ich glaube an die Existenzberechtigung von Komponisten. Eine Gesellschaft wird diese immer brauchen, um ihre Wahrnehmung lebendig zu halten. Wenn es diese Leute nicht gäbe, würden auch Mozart und Beethoven nicht mehr verstanden werden."

Viel Diskussionszeit

Die Zeit der gröberen Probleme ist für Furrer ein Weilchen her. Er, der mit Lehrer Roman Haubenstock- Ramati viel Zeit in Wiener Kaffeehäusern diskutierend verbracht hat (Furrer: "Er hatte unendlich viel Zeit für mich"), ist Kompositionsprofessor in Graz; und wenn er über kommende Projekte spricht, sind Aufführungsort und -orchester schon fixiert. Furrer, der auch das Klangforum Wien mitbegründet hat, ist einer der etablierten dirigierenden Komponisten.

Mag er sich so in jeder Hinsicht frei fühlen, "fürs Komponieren brauche ich einen eigenen Rhythmus, der nicht durchbrochen wird von Terminen, Reisen und Proben - da kann man schon aufgefressen werden. Ich brauche immer zwei, drei Monate ohne Ablenkung. Man muss mit dem leben, was man tut." Zeitdruck sei nicht hilfreich: "Er wäre nur nützlich, wenn man seinetwegen auf alles verzichtet, was ablenkt. Ich schalte etwa das Telefon ab, bin in meinem Arbeitszimmer, brauche Ruhe." Die könne man aber auch anderswo finden. "Ich habe auch schon im Kloster gearbeitet."

Raum als Instrument

Klarerweise kann zurzeit vom Komponieren für den 50-Jährigen keine Rede sein; bei Wien Modern wird er am Sonntag die Aufführung von Fama leiten. In einem eigens für dieses Stück ersonnenen Raum, der als Instrument fungiert, in dem auch das Publikum weilt, begegnet man Schnitzlers Novellenfigur Else. "Die Raumidee sollte nicht abstrakt bleiben, ich wollte eine Figur finden, die die räumlichen Veränderungen wahrnehmbar macht."

Inszenieren wird Christoph Marthaler: "Das Schöne ist: Er ist ja nicht einer, der mit fertigem Konzept daherkommt. Er hört auch sehr gut. Alles was hier passiert, passiert ja durch den Klang. Irgendwann hat er gesagt, seine Funktion sei, die Figur wegzuinszenieren, um Konzentration herzustellen." Dass er sein Werk selbst dirigiert, sei keine Vaterpflicht gegenüber dem Kind. Auch würde er nicht sagen, dass Komponisten die besten Umsetzer ihrer eigenen Werke sind. "Ich brauche diese Betätigung, diesen Kontakt zum Klang. Klänge sind nichts Abstraktes. Sie sind wie Lebewesen, die entstehen und vergehen." Bei diesem Prozess ist er gerne dabei. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.11.2005)

  • Für Beat Furrer hat Musik etwas, das "die alltägliche Ordnung des Lebens gefährdet. Ich kann mir eine harmlose Musik nicht vorstellen."
    foto: standard/heribert corn

    Für Beat Furrer hat Musik etwas, das "die alltägliche Ordnung des Lebens gefährdet. Ich kann mir eine harmlose Musik nicht vorstellen."

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