Eine Holztäfelung mit Reflexwirkung

27. Dezember 2005, 12:54
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Das so genannte "Hitlerzimmer" im Volkstheater hat die Diskussion um die Rolle der Architekten Hoffmann und Rainer während der NS-Zeit neu entfacht - Kommentar der anderen von Jan Tabor

... – ein hochgespielter Nazifizierungsversuch, der jeder Grundlagen entbehrt.

Himmelschreiend (wortwörtlich) sind die Neuigkeiten, die in österreichischen Publikationen über Josef Hoffmann verbreitet werden. In dem eben erschienenen Werk "In Wien erbaut. Lexikon der Wiener Architekten" (Promedia Verlag) schreibt Helmut Weihsmann, "Hoffmann veröffentlichte in der NS-Presse antisemitische, rassistische und biologistische Aufsätze über die Erneuerung des ,deutschen' Handwerkes und Blutes". In der vorletzten Ausgabe von Profil verschärft Weihsmann, von dem Architekturpublizisten Oliver Elser zum einzigen österreichischen Experten für Naziarchitektur hochgelobt, seinen Angriff auf den vor fast einem halben Jahrhundert verstorbenen Wiener Baukünstler und Kunstgewerbler Hoffmann.

Tipp

Am Sonntag, 17 Uhr, diskutieren
  • Friedrich Achleitner (Architekturtheoretiker und Schriftsteller)

  • Klaus Steiner (Architekturtheoretiker und Stadtplaner)

  • Ursula Prokop (Kunstwissenschafterin)

  • Barbara Feller (Bauhistorikerin)

  • Elisabeth Brainin (Ärztin und Psychoanalytikerin)

  • und Eva- Maria Höhle (Generalkonservatorin, BDA)

  • im Künstlerhaus Wien, Karlsplatz 5, zum Thema "Der wahre Wert der Naziarchitektur. Wir bringen die Fakten".
    Es moderiert: Ute Woltron (STANDARD).

    Als Antisemit verspottet

    Josef Hoffmann habe gedacht, sagt Weihsmann im Profil-Interview, "mit den Nazis beginne eine große Zeit. Er war immer deutschnational eingestellt gewesen und nahm als Hochschullehrer nur deutsche Studenten auf, keine Juden und keine Slawen". Rein geschlechtlich betrachtet, könnte Weihsmann Recht haben: Da Hoffmann in seine Architekturklasse überwiegend Frauen aufnahm, von denen viele Jüdinnen waren, wurde er damals von Antisemiten verspottet. Hingegen rein rational betrachtet: Es wäre von Hoffmann sehr unvernünftig gewesen, bei der Aufnahmeprüfung antisemitisch vorzugehen, waren doch viele seiner Klienten und der von ihm mitbegründeten "Wiener Werkstätte" jüdische Menschen.

    Den Jugendstil, zu dessen Erfinder und hervorragendem Vertreter er zählt, schimpfte man "Judenstil". Abgesehen davon, dass damals, zwischen 1899 und 1936, als Hoffmann der Professor an der Kunstgewerbeschule, der heutigen Universität für angewandte Kunst, war, in Wien kaum deutsche Studenten anzutreffen waren. Da ist der Profil-NS-Experte wohl der jetzigen Hysterie des Boulevards wegen des Studentenandrangs aus Deutschland anheim gefallen. Nicht nur die Rolle des Josef Hoffmann in der NS-Zeit ist hochgespielt worden, auch jene von Roland Rainer, einer anderen Koryphäe der österreichischen Architekturgeschichte.

    Es ist ein bereits jahrzehntelang währendes peinliches Spiel: Ähnlich wie bei Hoffmann bemühen sich manche Journalisten, auch Rainer eine passable Nazivergangenheit anzudichten. Dies will allerdings nicht wirklich gelingen. Die unterlassenen Recherchen werden meistens durch kryptisch formulierte Unterstellungen ersetzt. Rainer habe zwar, meint Weihsmann im Profil, "von sechs verlorenen Kriegsjahren" gesprochen, aber "in Wirklichkeit hat er ja vor 1945 schon an den späteren Grundsätzen der Stadtplanung gearbeitet. Doch das soll seine Leistungen als Architekt und Stadtplaner im Wien der Nachkriegszeit nicht mindern".

    Na und, frage ich mich, worüber sonst hätte der Stadtplaner Rainer nachdenken sollen! Ich war ja noch schlimmer. Während Rainer bloß über die Stadtplanung nachgedacht hat, habe ich damals, vor 1945, im Protektorat Böhmen und Mähren über die ganze Welt gegrübelt.

    Der Grund für die Wiederaufnahme der Nazifizierungsverfahren gegen Hoffmann und Rainer im Profil ist das Auftauchen eines skurrilen Möblierungsobjektes aus der NS-Zeit im Wiener Volkstheater, des so genannten "Führerzimmers". (Vermutlich stammt diese Bezeichnung erst aus der Nachkriegszeit).

    Um den Sensationswert des Fundstückes mediengerecht zu erhöhen, wird es neuerdings zum "Hitlerzimmer" ernannt und Josef Hoffmann zugeschrieben. Josef Hoffmann hat für die Nazis gebaut, das stimmt. Er war aber kein Nazi. Wahrscheinlich war er auch kein Antisemit.

    Wie Ursula Prokop, eine der besten Kennerinnen der NS-Architektur in Wien, durch ein Archivdokument belegt hat, galt Josef Hoffmann in den höchsten NS-Kreisen als Regimegegner. In ihrem Aufsatz über die Absolventen der Otto-Wagner-Architekturklasse in der NS-Zeit im Ausstellungskatalog "Kunst und Diktatur" (1994) schreibt sie: "Hubert Gessner, der in den letzten Jahren nur mit einigen kleinen Privataufträgen beschäftigt war, konnte – dank dunkler Arisierungsgeschäfte seines Schwiegersohnes – seine Bautätigkeit wieder mit Umbauten von Warenhäusern und Fabriken intensivieren. Josef Hoffmann hingegen – wegen seiner Tätigkeit für das Regime oft angegriffen – stand diesem durchaus kritisch gegenüber, was auch in hohen NS-Kreisen bekannt war. In seinem Fall, wie auch in anderen, scheint man einen bekannten Namen propagandistisch ausgenutzt zu haben, und Ereignisse anlässlich seines 70. Geburtstags kamen einem Affront gleich."

    Braune Reliquie

    Als Quelle gibt Ursula Prokop eine "undatierte Aktennotiz für den Reichsleiter und Brief des Generalreferenten W. Thomas im Zentralbüro Schirach" an. Josef Hoffmann hat es nicht verdient, zu einem Nazi und Antisemiten herausprofiliert zu werden.

    Die Entdeckung der braunen Reliquie – es handelt sich tatsächlich um eine braune Holztäfelung – hat in Wien eine derart heftige Erregung verursacht, dass man sich fragen muss, was die Nazizeit immer noch so aufregend macht. Und warum die wirklichen, vermutlichen oder nur denkbaren Verstrickungen von irgendwelchen leicht- bis voll genialen Baumenschen mit dem NS-Regime so interessant sind. Obwohl weder Hoffmann noch Rainer das Geringste mit der sargartigen Büroörtlichkeit im Volkstheater zu tun hatten, werden sie dennoch braun angepatzt.

    Außer einer Kaminkonsole sind keinerlei andere Möblierungsteile erhalten geblieben, also sozusagen nichts typisch NS-Artiges, dem man irgendeinen, meinetwegen zeithistorischen Wert zuschreiben könnte. Ich kenne das Zimmer. Ich habe es mehrmals besichtigt, zum ersten Mal 1993, anlässlich der Vorbereitung der Ausstellung "Kunst und Diktatur", zum letzten Mal im August 2005. Den Einfall von Direktor Michael Schottenberg, die scheußliche Täfelung als Bühnenkulisse zu verwenden, finde ich schlicht genial.

    Nicht erfreut allerdings bin ich über die weitere Desavouierung des von Ministerin Elisabeth Gehrer bereits zur Bedeutungslosigkeit demontierten Bundesdenkmalamtes, dessen Mitarbeiter ich hochschätze. Wieso, frage ich mich, erregt der Ausbau einer miserablen Holztäfelung aus einem so genannten Führerzimmer, das bis jetzt kaum jemand (auch der Experte Weihsmann gibt im Profil zu, es davor nicht gekannt zu haben) betreten hat, eine derart heftige Medienreaktion.

    Wieso interessiert die mutwillige und illegale Zerstörung der ungemein wertvollen Grafik- und Bücherschränke in der Albertina die Öffentlichkeit und ihre Macher, die Journalisten, fast überhaupt nicht. Meine Vermutung: der österreichische Führerreflex ist intakt. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.11.2005)

    Zum Autor

    Jan Tabor
    lebt als Architekturtheoretiker, Kulturpublizist und Ausstellungsmacher in Wien.

    Nachlese

    Rechts-Hick-Hack um Hitlerzimmer geht weiter , 15.11.2005



    • Bild nicht mehr verfügbar

      Dauerhafte Faszination für den Führer? In Thomas Roths Bernhard-Inszenierung "Vor dem Ruhestand" lieferte das "Hitlerzimmer" das Vorbild für das Bühnenbild.

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