Geheimnis der schwarzen Platten in der Tiefsee gelüftet

2. Dezember 2005, 17:52
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Asphaltvulkane überziehen den Meeresboden mit schwarzen Platten - jetzt können die Wissenschafter das Phänomen erklären

Bremen - Die Wissenschafter an Bord des deutschen Forschungsschiffs "Sonne" staunten über die seltsamen Bilder aus der Filmkamera ihres Klein-U-Bootes in knapp 3000 Metern Wassertiefe: Schwarze Platten bedeckten mehr als einen Quadratkilometer Meeresboden nahe der Halbinsel Yucatán. Dergleichen hatte niemand zuvor gesehen. Die Forscher steuerten den Tauchschlitten aufgrund und nahmen Bohrproben. Die Analyse brachte das überraschende Ergebnis: Auf dem Meeresboden liegt Asphalt.

Er entsteht auf natürliche Weise bei der bakteriellen Zersetzung von Erdöl. Doch er war offensichtlich nicht vor Ort entstanden, denn lavaähnliche Schlieren auf dem bis zu vier Meter dicken schwarzen Belag zeigten, dass er einst über den Grund gequollen sein musste - anscheinend aus den örtlichen Salzhügeln heraus. Niemand hatte bis dahin von Asphalteruptionen gehört. Es schien gar mehrere Ausbrüche gegeben zu haben, denn unterschiedliche Asphaltlagen waren erkennbar. Die Eruptionen mussten sich erst in den vergangenen Jahren ereignet haben, denn Asphalt löst sich im Meer vermutlich schnell auf.

Die Geologen um Gerhard Bohrmann von der Uni Bremen tauften das unbekannte Naturereignis "Asphaltvulkan". Den größeren der beiden identifizierten Schlote nannten sie "Chapopote" nach dem aztekischen Wort für Asphalt. Wie es zu den Ausbrüchen kommen kann, blieb den Forschern in den vergangenen zwei Jahren seit ihrer Entdeckung rätselhaft. Jetzt liefern sie eine Erklärung: Eine "magische Substanz" spüle den Asphalt an die Oberfläche, schreiben sie im Fachblatt Eos. Gemeint ist mehr als 400 Grad heißes Wasser, das unter hohem Druck steht und weder flüssig noch gasförmig ist.

Wasser, superkritisch

In einigen Kilometern Tiefe ändert Wasser seine Eigenschaften, es wird "superkritisch" - die Wasserteilchen lösen sich voneinander. Durch Kanäle in Salzstöcken bahnt sich das Wasser den Weg nach oben. Im Meeresboden des Golfs von Mexiko wurzeln riesige Salzberge, sie reichen bis in 15 Kilometer Tiefe. Weil es in ihnen viel Öl gebe, soll dort auch Asphalt vorkommen.

Ein Ausbruch geht schnell vor sich: Auf dem Weg nach oben löst das "magische" Wasser Asphalt aus dem Salz und treibt es an die Oberfläche. Im Gegensatz zu normalem Wasser mischt sich superkritisches Wasser mit Kohlenwasserstoffen wie Öl oder Asphalt. Am Meeresgrund trennt sich das Wasser wieder von seiner Fracht. Asphaltlachen ergießen sich aus den Salzdomen, bis der Asphalt abkühlt und erstarrt. Beleg dafür sind mikroskopisch kleine Glasminerale im Asphalt, die die Forscher gefunden haben. Sie haben sich während der schockartigen Abkühlung gebildet.

Beim Ausbruch kommt es möglicherweise zu kleinen Explosionen, wenn der heiße Asphalt am Boden auf Methaneis trifft. Denn die Eisklumpen schmelzen im Nu und enthaltenes Gas entweicht.

Auf einer Tagung von Erdölexperten in Mexico-City stieß die neue Theorie auf großes Interesse. Besonders die Ölkonzerne wurden hellhörig. Denn nun scheint erklärbar, warum Asphalt zuweilen die Bohrlöcher verstopft: Er fließt einfach hinein. Doch längst nicht alle Rätsel um die Asphaltvulkane sind gelöst. So bevölkern erstaunlicherweise Muscheln, Würmern und Bakterien die schwarzen Platten. Dabei steht den Lebewesen vermutlich keines der üblichen Grundnahrungsmittel der Tiefsee (Methan und Schwefelwasserstoff) zur Verfügung. "Wir wissen nicht, wovon sie leben", staunt Bohrmann. Für März ist die nächste Expedition geplant. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 11. 2005)

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