EU-Knigge für Minister

25. November 2005, 22:18
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Aus dem Handbuch zum EU-Vorsitz: "Ein bisschen Humor", ein bisschen Strenge - und den Rednern bitte nicht die Mikrofone abschalten

Im Chefsessel Europas kann man viel falsch machen. Allein die Vorsitzführung in den EU-Ministerrats-Sitzungen birgt allerlei diplomatische und taktische Tücken. Um Fettnäpfchen zu vermeiden, hat das Kanzleramt ein "Handbuch für Minister" verteilt, das detaillierte Regieanweisungen für Vorsitz-Neulinge beinhaltet. der Standard bringt Auszüge.

Was wie wann sagen? Wie führt man eine Ratssitzung? Wie Pfeiftöne vermeiden? Dafür gibt es im Handbuch nützliche Tipps:

"Um die schwierige Arbeit der Dolmetscher zu erleichtern, sollten die Wortmeldungen klar und deutlich und nicht allzu schnell gesprochen werden. Wenn der Vorsitz das Wort ergreift, sollte er darauf achten, dass der Kopfhörer weit genug vom Mikrofon abgelegt ist, da sonst durch die Interferenzen ein ohrenbetäubendes klirrendes Geräusch erzeugt wird."

Charme und Humor

Ohne Pfeiftöne sprechen - das allein macht noch nicht die Kunst des Verhandlungsführung aus. So rät das Bundeskanzleramt zum Einsatz jener österreichischen Tugend, die ja auch schon als Weltkulturerbe patentiert werden sollte: Charme - und Humor:

"Ein bisschen Humor ist oft sehr willkommen - man sollte jedoch nicht vergessen, dass Witze und Wortspiele meist nur sehr schwer oder gar nicht in andere Sprachen übersetzt werden können." Auf eines sollten die Minister beim Schmähführen aber keinesfalls vergessen: "Bei bilateralen Konsultationen mit den Sitznachbarn sollte stets darauf geachtet werden, dass das Mikrofon ausgeschaltet ist."

Nutzt das alles nicht, bleibt immer noch die zeitgemäße Variation der Reblauslegende. Strittige Punkte sollen kulinarisch aufbereitet werden:

Heikles beim Mittagessen

"Manchmal ist es hilfreich, die Diskussion zu einem heiklen Punkt beim Mittagessen zu führen bzw fortzusetzen." Um die Rechnung brauchen sich die Minister dabei keine Sorgen machen: "Mittag- oder Abendessen (organisiert und bezahlt vom Generalsekretariat des Rates)" Für ganz Ungeübte wird auch noch der Saal des Essens (Justus Lipsius Gebäude, Ebene 80) angeführt.

So kniffelig das Reden in den Ratssitzungen allein schon ist - auf gar keinen Fall sollten die Minister auf das reden mit Journalisten vergessen, mahnt das Kanzleramt. Und hat auch dafür Ratschläge parat:

"Minister müssen durch den VIP-Eingang in den Rat, wo sie von Medienvertretern angesprochen werden können. Aus diesen Gelegenheiten sollte man freilich das Beste machen: es empfiehlt sich, beim Ankommen ein oder zwei kurze "zitierbare Statements" über Pläne, Hoffnungen des Vorsitzes für entscheidende Sitzungen bereit zu halten." Und: "Vor oder nach dem Mittagessen, in jedem Fall nach Ende der Ratstagung: Pressekonferenz (als Vorsitz!)"

Pünktlich sein

Auch normale Grundregeln der Höflichkeit werden im Handbuch sicherheitshalber eingemahnt. Etwa: Pünktlich sein!

"Der festgelegte Sitzungsbeginn sollte eingehalten werden (nur circa zehn Minuten Verspätung sind durchaus üblich). Damit das auch klappt, wird geraten, nicht erst am Sitzungstag anzureisen: "Ankunft am Vortag für Abhaltung des internen Briefings."

Nicht vergessen wird auch auf die Sitzordnung:

"Die Präsidentschaft sitzt an einem Tischende, gegenüber der Kommission. Neben dem Vorsitzenden Minister/Staatssekretär sitzt auf der linken Seite der zuständige Vertreter des Ratssekretariats und auf der rechten Seite der österreichische AStV- Vorsitzende." Dass AStV Ausschuss der ständigen Vertreter (vulgo Botschafter) heißt, das müssen die Minister allerdings selbst herausfinden.

Mikrofone bitte nicht abschalten

Auch Strenge kann für den Vorsitzführenden bei Sitzungen manchmal hilfreich sein, wie das Handbuch erläutert:

"In der Sitzung selbst ist insbesondere auf kurze Wortmeldungen der Delegationen zu achten (Zeitlimit von 2 oder 3 Minuten). Zu Beginn der Sitzung sollte auf diese zeitliche Limitierung der Wortmeldungen hingewiesen und gegebenenfalls deren Überschreiten entsprechend kommentiert werden." Vor einem warnt der Knigge aber ausdrücklich: "Eine Durchsetzung des Zeitlimits mittels automatischer Abschaltung des Mikrofons nach der vorgegebenen Zeit hat sich in der Praxis allerdings als nicht zielführend erwiesen."

Nicht zuletzt führt das Benimm-Brevier in den Brüssler Jargon- und Abkürzungsdschungel kurz ein. Damit jeder weiß, dass mit dem Treffpunkt "Paul-Henri-Spaak" oder "PHS" das Europäische Parlament in Brüssel gemeint ist. (eli, tó, DER STANDARD, Printausgabe 26./27.11.2005)

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