"Die Warteliste ist infrage zu stellen"

25. November 2005, 10:20
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Michael Schratz, Leiter der Leadership-Akademie, über Direktoren, die ihre Schulen verkaufen, Junglehrer, die auf Wartelisten alt werden, und hilfreiche Parteibücher

STANDARD: Haben österreichische Schuldirektoren im Vergleich zu anderen Ländern zu wenig Macht?

Schratz: Wer "A" wie Autonomie sagt, muss der Leitung der Schule auch entsprechende Entscheidungsmacht geben. Allerdings ist das in Österreich nicht sehr weit gediehen, weil noch die Kultur der zentralen Verwaltung sehr stark ist.

STANDARD: Wie sehen andere Modelle mit mehr Freiheit für die Schulen aus?

Schratz: Ein extremes Gegenbeispiel ist der niederländische Direktor, den ich traf, als er gerade sein Schulgebäude im Zentrum für Millionen von Gulden verkauft und an der Peripherie neu gebaut hat.

STANDARD: Würden Sie Schuldirektoren Personalhoheit für ihre Lehrer geben?

Schratz: Unbedingt. Keiner weiß besser, was die Schule braucht. Derzeit haben wir das System, dass junge, engagierte Absolventen auf Wartelisten aufs Abstellgleis gestellt werden, wo viele neue Ideen verpuffen.

STANDARD: Wie kommt man aus dem Kreislauf - wartende Junglehrer, "alte", die noch nicht pensionsreif sind, und immer weniger Kinder - heraus?

Schratz: Die Warteliste ist infrage zu stellen. Kein Wirtschaftsbetrieb kann sich leisten, "auf Halde" zu produzieren. Da müsste sich das Schulsystem an Bedarf und Bedürfnisse stärker anpassen.

STANDARD: Ist das ein Plädoyer für Zugangsbeschränkungen zum Lehrerberuf?

Schratz: Ich befürworte eine Auswahl nach einer Eingangsphase, die auf Selbsteinschätzung beruht. Vorher ist Selektion nicht befriedigend zu lösen. Ich fände es attraktiv, wenn Direktoren die Lehrerkandidaten vorher kennen lernen und zu ihrem Schulprofil aussuchen könnten.

STANDARD: Sie sagten einmal, im Ausland wundere man sich über die "parteipolitische Obhut" bei der Direktorenbestellung in Österreich.

Schratz: In der Zwischenzeit hat sich das verbessert. In Assessment-Centern wird zumindest überprüft, welche Führungskompetenzen die Bewerber mitbringen. Die Leitung einer Schule ist ein neuer Beruf für einen Lehrer.

STANDARD: Ohne Parteibuch geht's aber immer noch nicht.

Schratz: Es spielt immer noch eine Rolle. Aber wir müssen uns von diesen engen Bindungen lösen. Wollen wir die Profession stärken, müssen wir sie aus der pädagogischen Vernunft heraus definieren, nicht aus der Abhängigkeit von einer Partei oder Ideologie.

STANDARD: Was lernen die Direktoren in der von ihnen konzipierten und geleiteten Leadership Academy?

Schratz: Leadership ist eine Haltung und nicht nur Verhalten. Wir versuchen, neben den notwendigen Managementaufgaben eine Haltung für Bildung in das System zu bringen. Das ist dringend notwendig. Wir sind im Unterricht nicht schlechter als die Pisa-Sieger, aber die Einstellung zur Bildung bleibt auf der Strecke. Hier haben wir Nachholbedarf. Gehen wir es an! (DER STANDARD-Printausgabe, 25.11.2005)

ZUR PERSON:

Michael Schratz (53), Leiter das Instituts für LehrerInnen­bildung und Schulforschung der Uni Innsbruck, Mitglied der Expertengruppe der EU-Kommission für verbesserte Lehrer ausbildung

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