Der Eros und das Marktbedürfnis

25. November 2005, 10:13
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Das Mattersburger Gymnasium ist eine ganz normale Schule. Der Versuch, ihr ein markantes Profil zu geben, scheiterte "an der Nachfrage". Herbert Kanz, der Direktor, versucht es dennoch weiterhin

Dass und wie einer Lehrer wird, ist, mehr oder weniger, ein biografisches Rätsel, zu dessen Lösung in der Regel der pädagogische Eros beschworen wird. Und also sagt auch Herbert Kanz: "Ich arbeite gerne mit jungen Leuten."

Deren Erfolg ist zwar ein nur indirekt eigener, erfüllt einen aber dennoch ein wenig mit Berufsstolz, weshalb dem Herbert Kanz auch sofort der Niki Berlakovich ins Gespräch rutscht, den er als mittelburgenländischen Bauernbuben auf jenen Bildungsweg geschickt hat, der unlängst ins Amt des ÖVP-Agrarlandesrates gemündet hat.

Die Sache mit dem pädagogischen Eros ist freilich nur ein Teil des Lehrerseins. Vielleicht ein wichtiger des Lehrerwerdens. Im Alltag schleift sich der hehre Anspruch allerdings ein wenig ab. Die Motivation braucht eine breitere - oder eigentlich: tiefere - Basis. "Ich will nicht aufschneiden, aber ich war ein Vorzugsschüler." Oder anders, lebensbestimmender: "Mir hat die Schule eigentlich immer Spaß gemacht."

Heute ist Herbert Kanz Direktor des BG und BRG in Mattersburg. In seiner eigenen Wahrnehmung "der Manager" eines Mittelbetriebes. 80 Lehrer, knapp 800 Schüler und jene Teilrechtsfähigkeit, die den Direktor zwingt, der Schule eine Art Markenprofil zu geben. In Mattersburg sei diese Anforderung verschärft. Denn der ländlichen Gegend zum Trotz "gibt es acht Gymnasien im Umkreis von 20 Kilometer". Also feilen Herbert Kanz und seine Vorstandskollegen an der USP, der "Unique Selling Proposition".

Das "einzigartige Verkaufsargument" ist im Grunde das einzige, das zählt am Markt. Und auf dem müssen sich auch die Schule bewegen.

Die Matterburger USP läge - läge, Konjunktiv - auf der Hand. Fast auf halber Strecke zwischen Wiener Neustadt/ Bécsújhely und Sopron/Ödenburg gelegen wäre - wäre, Konjunktiv - Mattersburg/Nagymarton prädestiniert dafür, ein pannonischer Schulstandort zu sein. Ist er aber nicht.

Und das ist durchaus etwas, das Herbert Kanz selber wundert: "Es gibt die Nachfrage nicht." Weder nach Ungarisch noch nach Kroatisch, sodass diese beiden, Pannonien mitkonstituierenden Sprachen in Mattersburg ein Randdasein als Zusatzangebot führen.

Die Assimilierer

Für den geborenen Lutzmannsburger, der 1971 in Oberpullendorf/Felsöpulya seine Lehrerlaufbahn gestartet hat, war das eine überraschende Erfahrung, als er 1994 als Direktor über den Sieggrabener Berg zog. "Im mittleren Burgenland gibt es einen kulturellen Stolz der Volksgruppen." Im Norden dagegen seien "die Assimilierer" zu Hause. Obwohl zahlreiche kroatische Dörfer im Einzugsbereich liegen, konnte Kranz sein Oberpullendorfer Know-how - dort wurde das Gymnasium zu einem ausdrücklich pannonischen - nicht wirklich transferieren.

Das Pannonische kommt dafür von außen in Form von Fahrschülern aus Sopron. 29 sind es zurzeit, alle schon von Kind auf mit dem Deutschen vertraut und hoch motiviert. "Gleich im ersten Jahr ist ein Soproner zum Schülervertreter gewählt worden, letztes Jahr hat eine Ungarin den Französisch-Fremdsprachenwettbewerb gewonnen." Im nahen Sopron hat Nagymarton also eine markante USP, einen guten Ruf.

Diesseits der Schengengrenze schon. Da ist die Konkurrenz hart. Oberschützen und Eisenstadt werben vehement mit Angeboten für angehende Spitzensportler, Fußballer zumal, obwohl die Bundesligastadt Mattersburg eigentlich der logische Standort wäre für eine "Fußballakademie". Allerdings gibt es auch hier zu wenig Nachfrage, um wirklich auf die Bedürfnisse der Kicker eingehen zu können, weshalb Herbert Kanz dem Andreas Ivanschitz vor fünf Jahren den Rat geben musste, schulisch nach Wien abzuwandern.

Die Konservativen

Weder sportlich noch pannonisch hat Herbert Kanz seiner Schule eine Kante schleifen können. Denn die Schule gehört zur Grundversorgung des Bezirks, zur Basisinfrastruktur, bei der die eigene Profilierung an der Durchlässigkeit des gesamten Systems ihre Grenze hat. Und auch am Umstand, "dass Lehrer konservativ sind". Sagt Herbert Kanz zum STANDARD. Ein wenig resignativ, zurzeit liefe eine Urabstimmung über ein "modulares Oberstufensystem". Dass die erforderliche Mehrheit dafür zustande komme, glaubte der Direktor nicht wirklich. Am gestrigen Donnerstag aber lag das Ergebnis vor: 77 Prozent der Lehrer sind dafür. Aus der Mattersburger Oberstufe wird also ab 2007 eine Art College werden. (DER STANDARD-Printausgabe, 25.11.2005)

Von Wolfgang Weisgram
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