Saddam-Verteidiger beenden Gerichtsboykott

27. November 2005, 16:51
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Irakisches Gericht hört am Montag Zeugen gegen Saddam - Besonderer Schutz für Aussagewillige versprochen

Bagdad - Der Saddam-Prozess tritt am Montag mit der Anhörung zahlreicher Zeugen in eine dramatische neue Phase. Zum ersten Mal sagen Menschen aus, die der Anklage zufolge vom gestürzten irakischen Präsidenten Saddam Hussein und seinen sieben Mitangeklagten systematisch verfolgt wurden und unter seiner Herrschaft zahlreiche Angehörige verloren haben.

Sicherheitsvorkehrungen verschärft

Das irakische Sondergericht hat für die Anhörungen die Sicherheitsvorkehrungen verschärft und den verängstigten Zeugen besonderen Schutz angeboten. Wegen wiederholter Anschläge auf Verteidiger und Beteiligte an dem Prozess haben jedoch nicht wenige Beobachter Bedenken, das Verfahren vor dem von den USA geförderten Gericht könne internationalen Standards nicht genügen.

Anonyme Aussage

Die Zeugen eines Massakers im schiitischen Dorf Dujail im Jahr 1982 dürfen Angaben aus dem engsten Umfeld des Tribunals zufolge nun ihre Aussagen machen, ohne dass sie im Gerichtssaal gesehen werden können. Demnach können sie nun hinter einer Abschirmung oder einem Vorhang Platz nehmen. Die Sicherheit der Menschen habe absoluten Vorrang, hieß es. Noch zum Auftakt des Verfahrens Anfang Oktober hatten sich Aussagen des vorsitzenden Richters Rizgar Mohammed Amin zufolge rund 40 Zeugen geweigert, in aller Öffentlichkeit aufzutreten. Amin vertagte den Prozess nach wenigen Stunden auf den 28. November und erklärte, das Sicherheitsproblem müsse vordringlich gelöst werden.

Verteidiger beenden Gerichtsboykott

Innerhalb weniger Tage nach dem Auftakt wurden zwei Anwälte aus dem Verteidiger-Team bei Anschlägen getötet, ein dritter ist wegen anhaltender Bedrohungen inzwischen ins Ausland geflüchtet. Einen Boykott aus Sicherheitsgründen gaben die Verteidiger jedoch nach Verhandlungen mit US-Vertretern über einen besseren Schutz wieder auf, nicht zuletzt aus Sorge, das Gericht werde von seinem Recht Gebrauch machen, andere Anwälte zu ernennen.

Anträge der Verteidigung

Vor der Zeugenanhörung muss sich das Gericht aber noch zu einer Reihe von Anträgen der Verteidigung äußern, darunter der Forderung nach einer weiteren Vertagung. Die Anwälte verlangen mehr Zeit für ihre Vorbereitung und internationale Experten halten diesen Antrag angesichts der Sicherheitslage im Irak für legitim. Die Zeit sei knapp gewesen und bei der geringen Bewegungsfreiheit im Land sei die Bitte um einen Aufschub verständlich, sagte Richard Dicker, Rechtsexperte der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch. (APA/Reuters)

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