Von Samenkörnern in der Wüste und offenen Türen

28. November 2005, 20:46
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Ende 1998 lagen viele Klubs dem Big Spender zu Füßen, Stickler trat auf den Plan, und Häupl redete mit

Wien - Wir schreiben den 23. November 1998, und soeben hat Frank Stronach jedem österreichischen Bundesligisten zehn Millionen Schilling versprochen. Als Gegenleistung verlangt er die TV-Exklusivrechte, die freilich von den Klubs bis 2004 der Münchner Agentur ISPR und dem ORF übertragen wurden. Bundesliga-Präsident Gerhard Skoff sagt: "Stronach plant nicht die Übernahme der Bundesliga, sondern eine Hilfestellung, Fußball besser zu vermarkten und zu positionieren."

Die Reaktionen der Klubs sind überwiegend positiv. "Wir krachen wie viele andere", sagt Salzburg-Chef Quehenberger, "nur drei, vier Klubs stehen auf festen Beinen." Natürlich brechen auch Austria-Boss Streicher und Martin Kerscher (FC Tirol) eine Lanze für Stronach. Abwartend bis kritisch geben sich nur wenige: Brigitte Campregher (LASK), Günter Kaltenbrunner (Rapid) und Hannes Kartnig (Sturm Graz). Später wird sich das Verhältnis von Sturm zu Stronach ändern und Stronach Kartnig als Trauzeuge zur Seite stehen.

Nur einen Tag nach dem Badener Stronach-Vortrag macht sich zum ersten Mal Friedrich Stickler öffentlich bemerkbar, der Lotto-Toto-Chef nennt Stronachs Ideen einen "durchaus positiven Anstoß". Und am Rande einer Budget-Debatte im Gemeinderat meint Bürgermeister Michael Häupl, mit Stronachs Hilfe "könnte dem Spitzenfußball auf die Beine geholfen werden".

Skoff will nicht mehr als Bundesliga-Präsident kandidieren - "nicht wegen beruflicher Überlastung, sondern weil die Vertrauensbasis nicht mehr in der bisherigen Form vorhanden ist." Stronachs Pläne nennt Skoff unverändert "faszinierend". Doch werde es nicht reichen, "wenn man drei Samenkörner in die Wüste steckt. Da braucht es noch viel Sonne und eine gute Bewässerung." ÖFB-Chef Mauhart rät Stronach davon ab, das Amt des Bundesliga-Präsidenten anzustreben. "Dann", so Mauhart, "würde das ganze Konzept einen hohen Grad an Unglaubwürdigkeit erhalten."

Bei Salzburg, dem FC Tirol und Steyr fließen Ende 1998 die ersten Stronach-Gelder, in Salzburg wird eine Unterstützung von 40 Millionen Schilling kolportiert, Quehenberger bestätigt: "Bis auf einen geringen Betrag ist das Geld auf dem Konto." Die FC Tirol Marketing GesmbH soll 60 Prozent an Stronach abgeben, dafür 30 bis 50 Millionen Schilling lukrieren. Mitte Dezember berichtet Tirols Klubmanager Robert Hochstaffl von der Vertragsunterzeichnung. "Dank Stronach können wir uns wirtschaftlich und sportlich wieder nach oben orientieren."

Auch beim GAK und bei der Admira läuft Stronach offene Türen ein. Und wenige Tage vor Weihnachten einigt sich die Präsidentenkonferenz der Bundesliga auf gemeinsame Verhandlungen mit Stronach. Ein zwölfköpfiges Komitee soll mit Magna verhandeln. "Die TV-Rechte gehören nicht den Klubs, sondern der ganzen Liga", merkt Bundesliga-Sprecher Peter Rietzler an. Seitens der meisten Vereine freilich hat man sich längst schon entschieden.

In den Verwaltungsrat von Austria Wien, ein achtköpfiges Gremium unter Häupls Vorsitz, rücken derweil Peter Feigl (Extennisspieler), Andreas Rudas (SPÖ-Bundesgeschäftsführer) und Manfred Mautner Markhof (Industrieller) auf. Stronach, der als "ordentliches Mitglied" jährlich 3000 Schilling zahlt und Stimmrecht hat, erläutert auf der Generalversammlung erneut seine Pläne. Danach lädt Häupl zur Weihnachtsfeier in den Rathauskeller. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 25. November 2005, Fritz Neumann)

Lesen Sie am Samstag:

1999: Innenminister Schlögl nennt Stronachs Wahl rechtswidrig, auch egal, 0:9 in Valencia, viele offene Briefe.

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