Solidarisch gestärkt aus der Wirtschaftskrise

8. Dezember 2005, 17:45
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Selbstverwaltung in tausenden Betrieben Brasiliens freut Staatssekretär Singer für "Solidarische Ökonomie" in der Regierung von Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva

Wien - Catende, eine gigantische Zuckerrohrfabrik und -pflanzung in Brasilien mit mehr als 28.000 Hektar Grund, ging wie so viele andere Großbetriebe in der Wirtschaftskrise zu Beginn der 80er Jahre fast unter. Wären da nicht die Arbeiter und Arbeiterinnen gewesen, die es geschafft haben, den Betrieb zu retten. Für mehr als 3000 Familien der einzige Weg aus der Massenarbeitslosigkeit. Wobei "retten" ein relativer Begriff ist.

Catende steht seit 1995 unter Selbstverwaltung der Mitarbeiter, das damals eingeleitete Konkursverfahren ist noch immer nicht abgeschlossen. Die Beschäftigten pachteten das Unternehmen vom Masseverwalter. Geplant ist eine spätere Versteigerung, bei der die Arbeiter die Fabrik tatsächlich kaufen werden.

Auf diese und ähnliche Art und Weise gibt es heute 20.000 selbst verwaltete Betriebe in Brasilien mit rund zwei Millionen Beschäftigten, sagt Paul Singer, Staatssekretär für "Solidarische Ökonomie" in der Regierung von Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva. Das solidarische Element im Fall der Zuckerfabrik Catende? Singer: "Die Arbeiter haben den Analphabetismus beseitigt. Dorthin sind die ersten Gewinne geflossen."

Für Singer, ein gebürtiger Wiener, dessen Familie mit dem damals Achtjährigen 1940 vor den Nazis nach Brasilien flüchtete, steht in der "Solidarischen Ökonomie" die Armutsbekämpfung und die Selbstverwaltung aus der Genossenschaftsbewegung im Vordergrund. Für die Bewegung selbst sei es die Kapitalismusbekämpfung, sagt er frei heraus.

Der Mitbegründer der Arbeiterpartei PT, die heute den Präsidenten stellt und von einer Korruptionsaffäre erschüttert wird, ist kritisch gegenüber Lulas Fiskal- und Budgetpolitik, er spricht von einem neoliberalen Schwenk. Doch: "Die Errungenschaften der Regierung in der Armutsbekämpfung wurden zu wenig kommuniziert, da ist sehr viel gelungen. Bei der ,Bolsa Familia' (Familienstipendium') wurde alle Ziele erreicht, in der Agrarreform nicht." (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.11.2005)

  • Paul Singer lebt in Sao Paulo, stammt aus Wien und predigt "solidarische Ökonomie".
    foto: vosatka

    Paul Singer lebt in Sao Paulo, stammt aus Wien und predigt "solidarische Ökonomie".

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