Vom Leben, das oft eine Luftblase war

3. Dezember 2005, 18:20
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Der Tiroler Florian Liegl ist beim Auftakt im finnischen Kuusamo nicht mehr dabei - Er kann dafür als 22-Jähriger bilanzieren

Innsbruck - Es ist nicht so, dass Florian Liegl intensiv an der Umsetzung arbeitet. "Aber wenn ich wollte, könnte ich jederzeit fünf Wiener Schnitzel verdrücken. Das Gefühl, es ohne schlechtes Gewissen tun zu dürfen, ist schön. Ich habe ein Stück Freiheit gewonnen."

Am Freitag beginnt in Kuusamo der Weltcup der Skispringer, Liegl wird sich die Veranstaltung vorm Fernseher geben. Entspannt, ohne Wehmut. "Ich habe ja kein gestörtes Verhältnis zum Sport, es war eine perfekte Lebensschule." Mitte September hat der Tiroler seine Karriere für beendet erklärt. Im Alter von nur 22 Jahren. Die Medien vermeldeten es maximal am Rande, im Sommer ist der Winter halt doch sehr weit weg. Abgesehen davon ist der Florian Liegl nie ein Andreas Goldberger gewesen. Das Skifliegen 2003 vom Kulm hat er trotzdem gewonnen, es sollte sein einziger Weltcupsieg gewesen sein. "Mein Entschluss aufzuhören, war wohl überlegt. Der Zugang, der Wille, das strikte Durchbeißen fehlten einfach." Dass der Schleimbeutel im Knie dauernd entzündet war, "spielte eher keine Rolle".

Vielleicht ist Liegl zu groß gewesen. Misst einer 1,93 Meter, besitzt er kaum die optimalen Voraussetzungen, um von Schanzen zu springen. Als zehnjähriger Bub weiß man das nicht, da schnallt man ganz unbeleckt alpine Skier an "und hupft 20 Meter weit. Das wird dann immer mehr. Du betrachtest es nicht von der philosophischen Seite, es geht sicher nicht um die Realisierung des alten Traums vom Fliegen. Es macht einfach nur Spaß. Interpretieren kann man später". In Planica hat Liegl einst ganz ohne Interpretation 214 Meter geschafft. "Es war schon traumhaft."

Der gewöhnliche Österreicher mag seine Sportler. "Bist du als Junger gut, wirst du getragen. Darin liegt das Problem. Deine Charakterentwicklung leidet, du glaubst, du bist wer. Du gewöhnst dich an ein Leben, das eine Luftblase ist."

Liegl hat die Problematik ums Hungern, um die magersüchtigen Athleten mitbekommen. No na. "Die Waage war im Hinterkopf." Er selbst hat die Grenzen nie ausgereizt ("vielleicht ein Fehler"), seitdem der Weltverband FIS vor einem Jahr den BMI (Body Mass Index) eingeführt hat, "hat sich die Lage entspannt". Sven Hannawald, der nach einem Burnout-Syndrom stationär behandelt wurde und mittlerweile offiziell aufgehört hat, "war der krasseste Fall. Isst man fast nichts, leidet das Nervenkostüm. Ist man auch noch ein Medienstar, hält man dem Druck nicht stand."

Florian Liegl war nie ein Star. "Wahrscheinlich gut so." Er studiert Wirtschaft, betreut den Springer Christian Nagiller und isst Schnitzel. "Vielleicht vermisse ich das Adrenalin. Der Spitzensport war ein Teil meines Lebens. Nicht mehr und nicht weniger." (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 25. November 2005, Christian Hackl)

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    Florian Liegl hat die Schule absolviert.

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