Kino fürs Ohr

24. November 2005, 18:49
28 Postings

Der russische Pianist Grigorij Sokolov im Wiener Konzerthaus

Wien - In kuschelfreundlichem Dämmerlicht liegt der Große Konzerthaussaal versunken, nur der Bereich um den Flügel ist sanft erleuchtet. Als Grigorij Sokolov sich ans Klavier setzt und zu spielen beginnt - zuerst Franz Schuberts große, mit Stolz und Kraft eröffnende A-Dur-Sonate D 959 - sitzt man also irgendwo im Halbdunkel des riesigen Raums und blickt nach vorn wie zu einem wärmenden Kaminfeuer, vor dem der Großvater Geschichten erzählt, und man hört ihm zu in einem Mix aus gespannter Erwartung und Behaglichkeit.

Die Dunkelheit übt eine leicht narkotische Wirkung aus, der Sehsinn darf seine Leistungskraft herunterfahren, man träumt durchs Ohr. Der Rest an Reflexionskraft, der noch verblieben ist, konstatiert im Verein mit dem fürs Melancholische zuständigen Bereich des Gemüts erfreut die Tatsache, dass so etwas Einfaches, Reduziertes auch heute noch funktioniert.

Es braucht also nicht zwingend spezialeffektvolle 100-Millionen-Dollar-Riesendinger aus Übersee, um den zeitgenössischen Menschen zwei Stunden zu unterhalten; auch ein Mann und die 88 Tasten schaffen das mit links (und rechts).

Bietet ja auch eigentlich nicht viel anderes als "großes Kino", so ein Klavierkonzert: Kino fürs Ohr gleichsam. Da gibt es - wie in Robert Schumanns "herzensschreiender" fis-Moll-Klaviersonate - wilde Action-Szenen, leinwandsprengende Leidenschaften, zu Tränen rührende Traurigkeit.

Grigorij Sokolov präsentiert dies alles auf seine einzigartige Weise: mit Tönen mal wie Watte- und mal wie Goldbällchen, mit einem Spiel, das innerhalb eines Rahmens klassischer Strenge und idealer Proportion vielfarbige, fantastische, bewegte Bilder der Leidenschaften zeichnet.

Überblick und Detailgenauigkeit, Abgeklärtheit und Ekstase, Kraft und Sensibilität: Alles ist auf herausragende Weise im Spiel des 1950 in Leningrad geborenen Russen präsent, und alles mischt sich auf ideale Art und Weise. Sagen wir es laut: Grigorij Sokolov ist vielleicht der kompletteste Pianist dieser Jahre. Sechs Zugaben und großer Applaus, welcher der Größe des Gehörten dennoch nicht vollends gerecht wurde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.11.2005)

Von Stefan Ender
Share if you care.