Rote Wende in der Uni-Politik?

1. März 2006, 14:04
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Alle haben es gehört, aber keiner hat reagiert, als Gabi Burgstaller für eine Uni-Finanzierung auf der Basis von Studien­plätzen plädierte - Ein Kommentar der anderen von Hans Pechar

Mehr Jobs durch Bildung?" fragte der ORF am 20. 11. in "Offen gesagt" eine illustre Runde. Gegen Ende der Diskussion ließ Gabi Burgstaller mit einer Bemerkung aufhorchen, die ein spannendes Finale hätte provozieren können, wäre sie von den übrigen Teilnehmern aufgegriffen worden. Sie plädierte dafür, in Zukunft auch die Universitäten - wie derzeit schon die Fachhochschulen - auf der Basis von Studienplätzen zu finanzieren.

Da nicht weiter darüber diskutiert wurde, blieb unklar, ob Burgstaller diese Forderung in allen ihren Konsequenzen vertritt. Denn diese betreffen nicht nur die Budgetverhandlungen zwischen dem Bund und den Universitäten, sondern auch eine der politischen Reizzonen der letzten Monate, den Hochschulzugang.

Der wichtigste Vorteil einer Studienplatzfinanzierung ist es, mehr Transparenz und Ehrlichkeit in die Beziehungen zwischen Staat und Universitäten zu bringen. Gibt es irgend jemanden, der dieses Ziel nicht teilt (und auch bereit ist, dies offen zu sagen)? Und doch reicht ein Blick auf die aktuellen Auseinandersetzungen, um zu sehen, wie weit Österreich davon entfernt ist. " [] Der kürzlich veröffentlichte Universitätsbericht des Bildungsministeriums zeigt einmal mehr die maßlosen Unterschiede auf, die es im Verhältnis Studierende pro Professor zwischen den Universitäten gibt. Natürlich braucht ein Student in der Meisterklasse einer Kunstuni oder in der klinischen Phase des Medizinstudiums eine dichtere Betreuung als einer in einem Paper-and-Pencil-Fach. Aber es ist offenkundig, dass bei den tatsächlichen Unterschieden in den Betreuungsrelationen nicht nur sachlich begründbare Besonderheiten einzelner Fächer eine Rolle spielen können. [] In derselben Woche gab es eine wüste Polemik, ob die jüngste Finanzspritze für die Universitäten, die Gehrer und Grasser mit Pomp und Trara in Szene gesetzt haben, tatsächlich zu höheren Einnahmen führt, oder ob sie nicht nur der Kompensation vorheriger Kürzungen und der Mehrausgaben durch das UG 2002 dient (vgl. STANDARD vom 18.11.). Schon aufgefallen, dass es bei der Finanzierung der Fachhochschulen viel sachlicher zugeht? Das liegt nicht nur an der unterschiedlichen Größenordnung und Komplexität der beiden Sektoren, sondern auch an der wesentlich höheren Transparenz der Studienplatzfinanzierung an Fachhochschulen.

Unheilvoller Konsens

Aus sozialdemokratischer Perspektive hat die Studienplatzfinanzierung freilich einen Pferdefuß: Mit dem offenen Hochschulzugang ist sie nicht vereinbar. Selbst in der Hochblüte des Austro-Keynesianismus hätte keine Regierung ein Finanzierungsversprechen für eine nach oben offene Zahl von Studienplätzen geben können. Im Zeitalter der Maastricht-Kriterien erübrigt es sich, darüber auch nur nachzudenken. Eine Studienplatzfinanzierung impliziert eine präzise Vereinbarung zwischen dem Staat und jeder Universität über die Zahl der in bestimmten Fächergruppen zugelassenen Studenten. Aus genau diesem Grund gibt es an den Fachhochschulen keinen offenen Zugang, sondern Aufnahmeverfahren.

Der offene Hochschulzugang ist zwar ein leeres Versprechen, dessen budgetäre Implikationen keine Regierung der letzten zwanzig Jahre zu tragen bereit war. Aber zugleich ein Versprechen mit hoher Symbolkraft, das als Reliquienschrein für längst ad acta gelegte Reformprojekte der 1960er/70er Jahre dient. Riskiert Frau Burgstaller den Tabubruch, die darin verborgenen Illusionen offen auszusprechen?

Bis heute gibt es einen unseligen Konsens zwischen Regierung und Opposition, dass zwar an Fachhochschulen (wegen der höheren Verschulung), nicht aber an Universitäten Studienplätze definiert werden können. Diese Auffassung ignoriert beharrlich das leicht überprüfbare Faktum, dass alle gut verwalteten Hochschulsysteme - darunter solche mit so unterschiedlichen politischen Kulturen wie die angelsächsischen Länder, die nordischen Länder Europas oder die Niederlande - eine Studienplatzfinanzierung haben. Ob es ein Zufall ist, dass dies auch jene Länder sind, die beim Weg in die Wissensgesellschaft die Nase vorne haben?

Gabi Burgstaller zählt zu den erfolgreichen Politikerinnen der SPÖ. Ihr Wort hat nicht nur auf Landesebene, sondern auch in der Bundespolitik Gewicht. Wenn sie ernst meint, was sie gesagt hat, könnte sie einen Anstoß zu einer "realistischen Wende" in der sozialdemokratischen Hochschulpolitik geben. (DER STANDARD-Printausgabe, 25.11.2005)

Der Autor ist Leiter der Abteilung "Hochschulforschung" der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung an der Uni Klagenfurt
  • "Tabu- 
brecherin" Gabi Burgstaller: ein Herz 
für mehr "Realismus" in der Bildungsdebatte?
    foto: standard/cremer

    "Tabu- brecherin" Gabi Burgstaller: ein Herz für mehr "Realismus" in der Bildungsdebatte?

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