Analysten erwarten gemächlichen Anstieg der EZB-Zinsen

1. Dezember 2005, 16:57
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Anders als viele Politiker befürchten befragte Volkswirte keinen Schaden durch die leicht steigenden Kreditkosten - Konjunktur könne die geldpolitische Straffung verkraften

Berlin - Die Europäische Zentralbank (EZB) wird mit einer Zinserhöhung im Dezember nach Einschätzung von Volkswirten beginnen, ihre derzeit lockere Geldpolitik aber nur vorsichtig zu straffen.

Nach der klaren Botschaft von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am vergangenen Freitag sagten 63 von Reuters befragte Experten voraus, dass der EZB-Rat am 1. Dezember den Schlüsselzins für die Bankenrefinanzierung um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent anheben wird. Wie die am Donnerstag veröffentlichte Umfrage weiter ergab, rechnen die Analysten bis September mit zwei weiteren Trippelschritten auf dann 2,75 Prozent. Anders als viele Politiker befürchten die Volkswirte keinen Schaden durch die leicht steigenden Kreditkosten. Eine große Mehrheit von 56 Befragten erklärte, die Konjunktur könne die geldpolitische Straffung verkraften.

Trichet hatte vergangenen Woche angekündigt, der EZB-Rat werde angesichts der gestiegenen Inflationsgefahr den bisher sehr Konjunktur fördernden Leitzins moderat anheben, um die Preisstabilität zu sichern. In dieser Woche ergänzte er, dass die Zentralbank damit aber nicht von vornherein eine ganze Serie von Zinserhöhungen plane.

Behutsam vorantasten

Für die Analysten ist dies jedoch kein Signal, dass es die EZB bei einer Erhöhung belassen wird. Die Währungshüter werden sich vielmehr behutsam voran tasten und nicht in dem Ausmaß und mit der Regelmäßigkeit wie die US-Notenbank den Zins nach oben schrauben. Die Federal Reserve Bank (Fed) erhöhte seit Mitte 2004 bei jedem ihrer zwölf Treffen um einen viertel Prozentpunkt und schleuste den Zins von einem auf vier Prozent hoch.

Die verschlechterten Aussichten für die Preisstabilität und das absehbar stärkere Wachstum im Euro-Raum rechtfertigten zumindest zwei weitere Erhöhungen. "Die EZB will den Zins näher an das neutrale Niveau bringen", sagte Martin Wolburg, Analyst von AM Generali in Köln. Den Leitzins, der die Konjunktur weder dämpft noch stimuliert und für stabile Preise sorgt, vermuten Analysten zwischen 3,0 und 3,5 Prozent. "Die Zinsen über drei Prozent anzuheben wäre eine Überreaktion", erklärte Claudia Broyer, Volkswirtin von der Dresdner Bank. Die exportabhängige Konjunktur im Euro-Raum könnte nach ihrer Einschätzung einen Dämpfer von einer Abkühlung in den USA und dem schwachen Konsum in Deutschland, dem größten Mitgliedsland, erhalten.

Leicht erhöhte Prognosen

EZB-Chef Trichet wird zur Zinserhöhung am 1. Dezember nach Erwartung der Analysten leicht erhöhte Prognosen des EZB-Volkswirtestabes zu Inflation und Wachstum im kommenden Jahr präsentieren. Für die Teuerungsrate 2006 erwarten die Beobachter, dass der Mittelwert der EZB-Inflationsprognose nun 2,1 Prozent nach 1,9 Prozent in der September-Prognose betragen wird. Die Schätzungen der Analysten für die Inflation 2007 reichten von 1,6 bis 2,3 Prozent, im Schnitt kalkulierten sie für den Ölpreis einen Anstieg von 55 Dollar durchschnittlich 2005 auf 58 Dollar in den kommenden beiden Jahren ein. Die EZB hat für 2007 bisher noch keine Spanne veröffentlicht. Auch die Wachstumsprognose der EZB wird nach Dafürhalten der Befragten um jeweils ein Zehntelprozentpunkt angehoben auf 1,4 Prozent für dieses und 1,9 Prozent für nächstes Jahr. (APA/Reuters)

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