Fortgesetzter Diskurs zur steirischen Identität nach 1945

27. November 2005, 13:30
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Neue Publikation geht über Ausstellung im Landesmuseum Joanneum hinaus

Graz - Die Ausstellung "Wo keine Steiermark, da kein Österreich", programmiert vom Bild- und Tonarchiv am steirischen Landesmuseum Joanneum, hat im Gedankenjahr und Wiederaufbau in der Grünen Mark einen "kleinen Historikerstreit im eigenen Hause" ausgelöst, wie der wissenschaftliche Direktor des Joanneums, Wolfgang Muchitsch, am Mittwochabend bei der Präsentation des Buches "Die Steiermark auf Bewährung 1945-1959" sagte. Das Buch setzt den Diskurs um die Konstruktion einer steirischen Identität, die nach 1945 einer österreichischen vorausgegangen war, fort.

Nachreichung

Die von Ausstellungskurator Historiker Dieter A. Binder behauptete "Joanneiische Mobilmachung", die 1959 im Erzherzog-Johann-Gedenkjahr kulminiert sei, kontrastierte mit der umfassenden und beschreibenden "offiziellen" Landesschau zum Gedankenjahr im Landesarchiv und riss Historikerkollegen Alfred Ableitinger in einer Replik hin, von einem "vergewaltigen Wiederaufbau" zu schreiben.

Mit der nun vorgelegten und von Heimo Hofgartner redigierten Publikation wird einerseits der Katalog zur Ende Oktober geschlossenen Ausstellung nachgereicht - einer der Vorwürfe an die Ausstellungsmacher lautete, durch den Verzicht auf Bildbeschreibungen den Kontext vernachlässigt zu haben -, andererseits reflektiert sie die Diskussion und die Beiträge zur Ausstellung und drittens ist sie eine Bilanz über ein Jahr "Büro der Erinnerungen".

Kritische Kommentierung

Spannend ist, dass es just jene Institution, die Produkt dieser Identitätskonstruktion spielte, nämlich das 1960 in Zusammen- und Nachhang des Gedenkjahres gegründete Bild- und Tonarchiv, übernommen hat, eine kritische Kommentierung des Wiederaufbaus zu liefern. "Archive sind grundsätzlich Herrschaftssymbole - beim Bild- und Tonarchiv ist eine Selbstdemokratisierung im Entstehen begriffen", so Binder.

"Aktive Sammelpolitik mit normalen Menschen", formulierte Petra Ellermann-Minda die heutige Zielsetzung des Bild- und Tonarchivs, das vor einem Jahr mit dem "Büro der Erinnerungen", einem Nachlass des Kulturhauptstadt 2003-Projektes "Berg der Erinnerungen", um ein "zeithistorisches Kompetenzzentrum" (Muchitsch) erweitert worden ist. Man sehe es verstärkt als Aufgabe, Material nicht nur zu sammeln und bereitzustellen, sondern selber zu erforschen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. (APA)

"Die Steiermark auf Bewährung 1945-1959. Eine mögliche Bildergeschichte", hg. vom Landesmuseum Joanneum, 180 S., 111 s/w Abb., ISBN 3-9500410-9-5, 25 Euro.
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