Drogen: Mehr Hilfe für Abhängige notwendig

2. Dezember 2005, 17:30
posten

Krankheit wird zunehmend auch als gesellschaftliches Problem gesehen

Brüssel - Insgesamt hat sich die Situation bei den Hilfs- und Therapieangeboten für Drogenabhängige in Europa verbessert. Doch es gibt noch starke regionale Unterschiede. Dem wachsenden Kokain-Problem und Betroffenen mit exzessivem Cannabis-Gebrauch stehen die Betreuungseinrichtungen oft noch ziemlich unvorbereitet gegenüber. Das erklärte in einem Hintergrundgespräch aus Anlass der Präsentation des Jahresberichts der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) am Donnerstag in Brüssel der Leiter der Einrichtung, Wolfgang Götz.

Steigender Kokain-Gebrauch

"Der Kokain-Gebrauch ist unter den jungen Erwachsenen weiterhin im Ansteigen begriffen. In einigen Ländern wie Spanien und dem Vereinigten Königreich hat er das Ausmaß des Konsums in den USA erreicht. Kokain ist zur normalen 'Straßendroge' geworden. Wir haben hier derzeit noch keine spezifischen Therapien für Abhängige zur Verfügung", sagte der EBDD-Direktor.

Ein weiteres Problem laut dem Experten: "In Europa gibt es rund drei Millionen Menschen, die täglich Cannabis konsumieren. Das ist nicht ein Joint pro Woche. Das sind bis zu zehn Joints am Tag. Wir haben keine Ahnung, welche gesundheitlichen Auswirkungen das langfristig haben wird." Auch Mischgebrauch von verschiedenen Substanzen stelle eine erhebliche Problematik in Europa dar.

Begleiterkrankungen

Bei den potenziellen Begleiterkrankungen von Süchtigen, die sich Drogen injizieren, gibt es in Europa gegenläufige Trends: Während die HIV-Infektionen zumeist im unteren Prozentbereich (z.B. Tschechien, Großbritannien: ein Prozent; Deutschland: unter fünf Prozent) liegen, grassiert die langfristig ebenso gefährliche Hepatitis C (HCV) unter diesen Abhängigen. Götz: "In manchen Ländern sind mehr als 60 Prozent dieser Suchtgift-Konsumenten HCV-infiziert." Hier können nur Spritzen- und Nadeltauschprogramme etc. helfen.

Immer besser, aber ausgesprochen unterschiedlich ist das Ausmaß, in dem in den einzelnen Staaten Europas Substitutionsprogramme angeboten werden. Der Leiter der in Lissabon angesiedelten EU-Drogenbeobachtungsstelle: "Etwa eine halbe Million Opiatabhängige erhalten in Europa (EU-25 plus Norwegen, Bulgarien und Rumänien, Anm.) eine Substitutionstherapie. Doch 99 Prozent davon bekommen sie in den 'alten' EU-15-Staaten. Auf die zehn neuen EU-Mitglieder entfallen nur ein Prozent der Substitutions-Patienten. Aus der Türkei gibt es dazu keine Daten."

"Therapie statt Strafe"

Schließlich setzen immer mehr Länder auf das Prinzip von "Therapie statt Strafe". Auch diese Programme sollten laut EBDD weiter ausgebaut werden. Ein Drittel der Gefängnisinsassen in Europa injiziert sich in den Haftanstalten illegale Drogen. Das spricht dafür, dass es hier noch einen enormen Bedarf an Alternativen für verurteilte Süchtige zum "Einsperren" gibt.

>>> Suchtgiftproblematik als gesellschaftliches Problem

Drogensucht ist eine schwere, oft lebenslängliche Krankheit - und kein moralisches Versagen des Betroffenen. Von den Folgen der Suchtgiftproblematik betroffen sind aber nicht nur die Abhängigen. Sie wird in Europa zunehmend auch als gesellschaftliches Problem gesehen. Das reicht bis zur Bekämpfung der "Szene" als "öffentliches Ärgernis". Hier einige Problempunkte laut dem EBDD-Jahresbericht 2005:

  • Fünf Länder - Irland, Luxemburg, die Niederlande, Großbritannien und Belgien - haben in den vergangenen Jahren die Bekämpfung der öffentlich sichtbaren Konsequenzen des Suchtgiftkonsums als "öffentliches Ärgernis" zu einem Hauptpunkt ihrer Drogenpolitik gemacht. EBDD-Experte Henri Bergeron: "Die Situation ist hier in Europa sehr unterschiedlich. Einerseits dürfte das mit einem zunehmenden Gefühl der Unsicherheit in der Bevölkerung mancher Staaten zusammenhängen. Andererseits werden solche Maßnahmen in Staaten wie den Niederlanden gesetzt, die eine lange Tradition von Hilfsprogrammen für Süchtige haben."

    Offene Drogenszenen, Suchtgiftkonsum in der Öffentlichkeit, weggeworfenes Injektionsbesteck und Belästigungen Anderer scheinen hier das Gefühl zu verstärken, die Politik müsse sozusagen die Drogenproblematik für die breite Gesellschaft möglichst unsichtbar zu machen. Laut einer EU-Umfrage aus dem Jahr 2003 fühlten sich in den EU-Staaten im Jahr 1996 acht Prozent der Bevölkerung "sehr unsicher", im Jahr 2002 waren es zwölf Prozent.

  • Vermehrt diskutiert wird in Europa der Gebrauch des Opiats Buprenorphin in der Substitutionstherapie. Das Mittel hat weniger sedierende Effekte als Methadon und wird in der Form von Kapseln eingenommen. Allerdings landet ein Teil der Präparate auf dem Schwarzmarkt, das Medikament wird aufgelöst und injiziert. Dort, wo der Einsatz von Buprenorphin am meisten verbreitet ist - in Frankreich und in Finnland - ist auch die Missbrauchsrate am höchsten. Laut EBDD sollten hier Maßnahmen gesetzt werden, um "Abzweigung und Missbrauch von Buprenorphin zu verringern".

  • Drogenkriminalität: 20 europäische Staaten meldeten zwischen 1998 bis 2003 eine Zunahme von Drogendelikten. Besonders betroffen waren beispielsweise Estland und Polen. In anderen Ländern war die Situation 2003 offenbar gegenläufig: In Österreich, Belgien, Spanien, Italien, Malta und Slowenien wurde ein Rückgang der Suchtgiftkriminalität registriert. In Österreich gab es jedenfalls weniger Delikte im Zusammenhang mit Cannabis, dafür aber im Zeitraum 1998 bis 2003 mehr im Zusammenhang mit Heroin.

  • Die europäischen Gefängnisse sind voll mit Drogensüchtigen. Ein Drittel der Häftlinge injiziert Suchtgift. Doch das Angebot an Substitutionsbehandlung für diese Abhängigen ist noch immer unzureichend. Das "leuchtende Beispiel": Spanien. Dort erhalten 82 Prozent der Häftlinge mit problematischem Drogenkonsum eine solche Therapie.

  • Wichtig wären auch vermehrte Hilfsangebote für junge Drogenkonsumenten, die möglicherweise am "Einsteigen" in die "Szene" sind. Doch auch hier gibt es in Europa Aufholbedarf. "Gleichermaßen bieten nur einige Länder - Dänemark, Deutschland, Griechenland, Frankreich, die Niederlande, Österreich und Schweden - Leistungen an, die speziell auf die Probleme von Cannabis-Konsumenten zugeschnitten sind, und das trotz des steigenden Therapiebedarfs bei dieser Droge", heißt es in der Unterlagen zum EBDD-Jahresbericht 2005. (APA)
    Share if you care.