"Überfall auf die Depression"

18. Juli 2006, 13:45
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Unter diesem medienwirksamen Motto fand die erste Biennale für Management und Beratung im System in Berlin statt

Die Initiatoren Dirk Baecker (Soziologie), Fritz B. Simon und Rudolf Wimmer (Führung und Organisation), Professoren an der privaten Universität Witten/Herdecke und Gründer des Managementzentrum Witten, wollen mit der Biennale eine zweijährlich stattfindende Plattform für Unternehmen schaffen um Anregungen für eine nachhaltige systemtheoretische Auseinandersetzung auf internationalem Niveau zu bieten. In über dreißig Workshops und sechs Vorträgen wurde der aktuellen Frage nachgegangen wie eine konjunkturelle Ressourcenknappheit nicht unbedingt im Gegensatz zu Neuerungen stehen muss. Die Übersetzung systemtheoretischer Forschung in die praktische Arbeit von Organisationen war dabei ein konkretes Anliegen.

Die X-Organisation

Im Mittelpunkt des Geschehens stand die X-Organisation. Das X bedeutet die grundsätzliche Offenheit des Kongresses für alle Arten von geschäftsführenden Systemen, sei es aus den Bereichen Wirtschaft, NPO oder öffentlicher Dienst. Sie alle haben gemeinsam, dass sie mit ihren Ressourcen, Regeln und Mitgliedern nicht nur ökonomisch, sondern auch innovativ und sozial umgehen müssen um den eigenen Fortbestand zu gewährleisten. So konnten die Teilnehmer Workshops zu ihren spezifischen Bereichen auswählen und gleichzeitig im Plenum Referate zu übergeordneten systemtheoretischen Überlegungen anhören. Die Themen wurden demnach vielfältig ausgewählt und reichten von „Wie erfinde ich eine Firma“, „Subversive Kampagnen“ bis „T-Com: Strategieumsetzung für 90.000 Mitarbeiter“. Der Vernetzung von Unternehmen unterschiedlicher betriebswirtschaftlicher Ausrichtung stand somit nichts im Weg.

„Keine Routinen, nur Mitarbeiter!“

Der Soziologe Dirk Baecker, ein ehemaliger Schüler von einem der wichtigsten Vertreter der Systemtheorie Niklas Luhmann, beschäftigte sich im Rahmen der Biennale mit der Frage wie sich eine X-Organisation auf die Möglichkeit einer „unentscheidbaren Wirklichkeit“ einlassen kann. Er tritt für eine postklassische Managementtheorie ein bei der der Mensch respektive die Mitgliedschaftsregel in das Zentrum gerückt werden. Als Weiterentwicklung der klassischen Managementtheorie, die auf dem Faktor Routine basiert um Zweck und Mittel auf möglichst ökonomische Weise miteinander zu verbinden, lässt er in seiner Theorie undefiniert welche Entscheidungen wann getroffen werden sollen. Dieser (neu gewonnene) Freiraum beinhaltet das Potenzial sich bei wechselnden unternehmerischen Herausforderungen differenzierte Möglichkeiten von Entscheidungsprozessen offen zu halten. Die systemische Organisationsberatung hat dabei die Rolle den präzisen Blick auf die Eigendynamik zu lenken und gleichzeitig das möglichst „freie (Re-) Agieren“ zu vermitteln.

„Das Depressionsbarometer“

Um dem Motto der Biennale einen medienwirksamen Ausdruck zu verleihen wurde das auf Kulturinterventionen spezialisierte Unternehmen „expedere“ beauftragt den „Überfall auf die Depression“ zu inszenieren. Ein Teil der Aktion bestand darin eine Trauerweide ohne behördliche Genehmigungen in die Nähe des Bundeskanzleramtes zu pflanzen. Mit dieser quasi illegalen Aktion sollte die unkonventionelle Erfüllung der eigenen Wünsche symbolisiert werden. Aber auch das so genannte Depressionsbarometer fand großen medialen Zuspruch. In Kooperation mit dem Fernsehsender n-tv und dem Wirtschaftsmagazin Brand Eins konnte man unter www.depressionsbarometer.de per Mausklick sieben Fragen zum eigenen Wohlbefinden beantworten und beobachten wie sich der emotionale Gesamtindex Deutschland (!) verhält. Die Präsentation des Dokumentarfilms „Die große Depression“ von Konstantin Faigle und der Vortrag des deutschen Regisseurs Harun Farocki über das Rollenspiel des Venture Capital gaben der ersten Biennale für Management und Beratung im System die wichtigen Impulse aus dem Bereich Kunst. (Marianne Schreck)

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