Netzwerk Frauengesundheit will Dokumentation von Gewaltfolgen

24. November 2005, 14:01
posten

Qualitätsstandards für eine angemessene Gesundheitsversorgung für Gewalt betroffene Frauen gefordert

Berlin - Das Berliner Frauengesundheitsnetzwerk fordert zum "Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen" am 25.11. Qualitätsstandards für eine angemessene Gesundheitsversorgung für Gewalt betroffene Frauen. Wesentlich dafür ist die Sicherstellung einer rechtsverwertbaren ärztlichen Dokumentation von Verletzungen und Beschwerden in Folge sexueller und häuslicher Gewalt.

Frauengesundheit nachhaltig verletzt

Jede vierte in Deutschland lebende Frau erfährt im Verlauf ihres Lebens häusliche Gewalt durch einen aktuellen oder ehemaligen Lebenspartner. Jede siebte Frau erlebt sexuelle Gewalt (BMFSFJ 2004).
Gewalt verletzt die Gesundheit von Frauen tiefgehend und nachhaltig. Frauen erleiden akute und sichtbare Folgen wie Hämatome, Schürfungen, Biss- und Schnittwunden, Quetschungen, Würgemale, Knochenbrüche, Verbrennungen, Zahnverletzungen und bleibende körperliche Beeinträchtigungen. Gewalt verletzt Frauen langfristig in ihrer psychischen Gesundheit und kann zu posttraumatischen Belastungsstörungen, Ängsten, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, zu Schmerzsyndromen, zum Verlust von Selbstachtung und Selbstwertgefühl, zu Depressionen und Suizidversuchen führen.

Erkennen und Ansprechen von Gewalterfahrungen

Gesundheitsfachkräfte können eine wichtige Aufgabe innerhalb des Unterstützungsnetzes gegen häusliche Gewalt einnehmen, denn sie sind oft erste und einzige Ansprechpersonen. Neben dem Erkennen und Ansprechen von Gewalterfahrungen ist die rechtsverwertbare Dokumentation von Verletzungen und Beschwerden in Folge häuslicher und sexueller Gewalt ein zentraler Baustein für eine konsequente und wirksame Unterstützung gewaltbetroffener Patientinnen. Sie kann bei rechtlichen Schritten von entscheidender Bedeutung sein, ob die gewaltausübende Person für ihr Handeln in Verantwortung genommen wird.

Lücke in Anamnese

Beantragen Frauen Maßnahmen nach dem Gewaltschutzgesetz oder kommt es zu sorge- und umgangsrechtlichen Verfahren, spielt die zeitnahe Dokumentation der Verletzungen und Beschwerden eine bedeutende Rolle. Dies ist für Frauen, die sexuelle und häusliche Gewalt erleben, noch immer zu oft eine Frage des Zufalls.
Erfahrungen von Zufluchts- und Beratungseinrichtungen und Studien zeigen, dass die wenigsten Frauen von ihren behandelnden Ärzten und Ärztinnen nach möglichen Gewalterfahrungen gefragt werden. Frauen, die sich mit der Bitte um eine rechtssichere Attestierung der erlittenen Verletzungen bemühen, erleben, dass die Atteste nicht den hohen Anforderungen der Gerichte genügen oder nicht ausgestellt werden können, weil in den behandelnden Praxen und Kliniken keine ausreichende Dokumentation bei zurückliegenden Besuchen angelegt wurden. Angesichts der eingeschränkten Kostenübernahme durch öffentliche Stellen, können sich gewaltbetroffene Frauen eine rechtsverwertbare Dokumentation vielfach nicht leisten.

Umsetzung von Qualitätsstandards

In verschiedenen Bundesländern haben Ärztekammern bereits auf diese Situation reagiert. Mit Unterstützung von Antigewaltprojekten und rechtsmedizinischen Instituten wurden Leitlinien sowie rechtsverwertbare Dokumentationsbögen für Verletzungen und Beschwerden aufgrund häuslicher und sexueller Gewalt entwickelt. Wichtige Impulse für diese Entwicklungen gab das wissenschaftlich begleitete Modellprojekt "S.I.G.N.A.L. - Intervention bei häuslicher Gewalt" am Berliner Klinikum Campus Benjamin Franklin der Charite.
Das Frauengesundheitsnetzwerk fordert die Akteure und Akteurinnen in der Berliner Gesundheitsversorgung auf, die Umsetzung von Qualitätsstandards für eine angemessene Gesundheitsversorgung gewaltbetroffener Frauen weiter zu führen und eine rechtsverwertbare Dokumentation gesundheitlicher Folgen von Gewalt sicherzustellen.

Forderungskatalog

Im Interesse der Gesundheit von Frauen und im Interesse einer konsequenten Umsetzung des Berliner Aktionsplans gegen Gewalt gegen Frauen fordert das Netzwerk die Unterstützung gewaltbetroffener Frauen durch die rechtssichere Dokumentation der ärztlichen Befunde und die konsequente Einbindung des Themas "sexuelle und häusliche Gewalt" in die ärztliche und pflegerische Aus-, Fort- und Weiterbildung um Ärzte und Ärztinnen zu befähigen, die Frage nach Gewalterfahrungen in die ärztliche Anamnese zu integrieren. Abschließend spricht sich das Netzwerk für Interventionsprogramme aus, die nach dem S.I.G.N.A.L.-Modellprojekt systematisch in die medizinische Versorgung in weiteren Krankenhäusern und Praxen umgesetzet werden sollten. (red)

Share if you care.