"Polytechnische ist besser als ihr Ruf"

24. November 2005, 11:59
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Der Grazer Bildungsforscher Erich Svecnik erklärt, warum Polytechnische Schulen (PTS) oft mehr können, als man glaubt, sie aber dennoch verändert gehören

STANDARD: Der Ruf der Polytechnischen Schulen (PTS) ist miserabel. Sind sie überhaupt noch zeitgemäß?

Svecnik: Ich halte die PTS für ein aktuelles Konzept, aber es ist verbesserungswürdig. An sich bestünde auch für die AHS-Unterstufe und die Hauptschule die Pflicht, Berufsorientierung zu betreiben. In der Realität passiert vor allem in der AHS herzlich wenig, die Hauptschulen mühen sich redlich. Wirkliche Einblicke in Berufsfelder mit Praktika bietet aber nur die PTS - für ein gewisses Publikum.

STANDARD: Was gehört verbessert?

Svecnik: Das Problem der PTS ist ihr Ruf, sie ist in der Gesellschaft nicht sehr angesehen. Dabei hat sich seit der Lehrplanreform 1997, mit der der Unterricht in Fachbereichen eingeführt wurde, stark gewandelt. Sie ist definitiv besser als ihr Ruf und das muss der Öffentlichkeit auch vermittelt werden.

STANDARD: Die SPÖ und die ÖVP Wien und Steiermark plädieren für die Abschaffung der PTS und fordern eine Realschule für alle sechs bis 15-Jährigen. Was sagen Sie dazu?

Svecnik: De facto ist es so, dass wir tun, als hätten wir ein gegliedertes Schulwesen, aber in der Realität ist es selten wirklich so. Die Selektion ist sehr oft eine sozial bedingte. Kinder von Akademikern gehen in die AHS, Kinder von Eltern mit Pflichtschulabschluss nicht - und das ist sehr oft unabhängig von der Befähigung der Schüler. Gegen ein gegliedertes Schulwesen wäre an sich nicht viel einzuwenden, wenn die kognitive Befähigung das Kriterium ist. Dem ist aber nicht so, der soziale Hintergrund mischt derart mit, dass es nicht wirklich der richtige Weg ist.

STANDARD: Was heißt das für die PTS?

Svecnik: Es verursacht natürlich Probleme. Es sind vermehrt Jugendliche mit Migrationshintergrund, Kinder aus bildungsfernen Schichten, die in die PTS gehen, obwohl das Konzept der PTS für alle angemessen wäre, die eine qualifizierte Ausbildung zum Facharbeiter anstreben.

STANDARD: In der Steiermark gibt es eine so genannte Realschule, die Schüler bis zur zehnten Schulstufe gemeinsam unterrichtet. Ein Vorbild?

Svecnik: Bis zur neunten Stufe funktioniert die Schule gut, aber die zehnte Schulstufe, die mit der mittleren Reife nach deutschem Vorbild abschließt, bringt den Schülern formal relativ wenig, weil sie in weiterführenden Schulen normal einsteigen müssen und ihnen wenig bis gar nichts angerechnet wird.

STANDARD: Die Anrechnungsregeln gehören also verändert?

Svecnik: In manchen Bereichen ja. Diese Debatte gibt es ja auch immer noch bei der PTS. Die Frage ist immer: Warum leisten wir uns verschiedene Schularten, wenn man beim Anrechnen großzügig ist? Diese Parallelitäten sind nicht immer sinnvoll. .

STANDARD: Macht die unterschiedliche Lehrerausbildung für PTS und AHS Sinn?

Svecnik: Man braucht weder für die Unterstufe der AHS noch für die PTS unbedingt studierte Anglisten.

ZUR PERSON:

Erich Svecnik (39) ist Wissenschafter am Zentrum für Schulentwicklung

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