"In der Schule hört man nicht so zu"

24. November 2005, 11:45
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An ihre Lehrstelle, da geht Serpil Sari gern: Dekorieren, einpacken, verkaufen, alles macht ihr Spaß. Über die Berufsschule fällt ihr weniger Positives ein

Serpil Sari hofft auf Schokolade. "Schokolade, das wäre total leicht. Oder Tee, da kenn ich mich urgut aus. Aber wenn sie mich über Fisch fragen oder über Wein - pff, schwer." Denn mit Fisch oder Wein hat sie bei ihrer Arbeit im Teehaus nichts zu tun, mit Tee oder Schokolade dafür umso mehr. Trotzdem muss Sari bei ihrer Abschlussprüfung in der Berufsschule mit Fragen zu allen Lebensmitteln rechnen: "Käse gehört auch dazu, einfach alles. Ich lerne schon seit drei Wochen dafür." Aber wenn sie die Prüfung schafft, dann ist Serpil Sari fertige Einzelhandelskauffrau, und das findet die 19-jährige Wienerin auch insofern super, weil sie dann nicht mehr in die Berufsschule gehen und vor allem nichts mehr über Käse, Fisch und Wein lernen muss.

Die Anzieh-Schule

Denn viel lieber als in die Berufsschule im 13. Bezirk geht Sari an ihre Lehrstelle zu Demmers Teehaus im 3. Bezirk: "Die Lehre dort macht Spaß. Ich mag gern dekorieren, ich mag gern Geschenke einpacken. Mein Lieblingstee, das ist der schwarze mit den Krokantstückchen. Schokolade haben wir leckere, und Kerzen sind auch sehr beliebt", verfällt Sari beim Erzählen über ihre Arbeit gleich in engagierten Verkaufston.

Über die Schule, da hat Sari weit weniger zu sagen. Im ersten Lehrjahr war sie zwei Mal pro Woche dort, im zweiten und dritten je einmal pro Woche. Doch, irgendwie ist sie nicht ungern hingegangen - aber aus Gründen, die mit der Berufsschule nichts zu tun haben: "Ich habe viele Freundinnen dort. Wenn man keine Freundschaften hat, macht es keinen Spaß." Ob es jetzt an ihrer Priorität für den Spaßfaktor liegt oder an den Inhalten des Unterrichts - jedenfalls hat Sari "im ersten Berufsschuljahr nicht viel mitbekommen. Da waren so Sachen wie Deutsch und Englisch, das hab ich eh schon gewusst. Und dann haben sie uns gesagt, wie man sich benimmt und anzieht."

Zumindest über Kleidung kann Sari aber niemand viel erzählen: Die zierliche junge Frau ist sorgfältig durchgestylt und dass "Mode und Einkaufen" ihr größtes Hobby ist, müsste sie nicht extra betonen. Auch wegen ihrer hohen Modekompetenz haben sie die ersten beiden Berufsschul-jahre nicht so interessiert, erst im dritten und letzten Schuljahr sei es mit den ganzen Lebensmitteln wirklich interessant und schwierig geworden. Dennoch summiert Sari: "Ich habe das meiste in der Arbeit mitbekommen. In der Schule hat man mehr Spaß und hört nicht so zu."

Dort gewesen ist sie trotzdem fast immer: "Ich bin in den drei Jahren nur drei Mal nicht Schule gegangen." Mit dieser Frequenz ist Sari eine große Ausnahme: Über Schulschwänzer kann jeder Berufsschullehrer viele Geschichten erzählen. Auch Sari weiß von vielen in ihrer Klasse, die "in einem halben Jahr zwölf- oder 13-mal fehlen".

Problem Arbeitslose Sari ging auch deshalb regelmäßig in die Schule, weil sie ihre Lehrstelle behalten wollte: "Das war schwer, eine zu finden. Ich habe Internet geschaut, Arbeitsmarktservice, alles." Viele ihrer Ex-Schulkollegen aus der Hauptschule suchen immer noch: "Da sind viele arbeitslos."

Auf über zehn Prozent stieg im Oktober die Jugendarbeitslosigkeit, 6766 Jugendliche suchten Lehrstellen, 12.219 waren in Arbeitsmarkt-Kursen oder Auffangnetzen geparkt. "Die duale Ausbildung Lehre-Berufsschule ist in der Krise", konstatiert Wirtschaftsforscherin Gudrun Biffl: "Viele Betriebe, die früher ausbildeten, haben ihre Produktionsbereiche ausgelagert oder sich spezialisiert, damit fallen Lehrplätze weg."

Sari weiß, dass sie mit ihrer Lehre Glück hatte. Obwohl: "Eigentlich wollte ich Frisörin werden, aber beim Schnuppern hab ich bemerkt, dass ich Leute nicht am Kopf angreifen kann. Ich bin so ein Typ, ich rede gerne. Verkauf war eindeutig der Beruf für mich." Das sieht Saris Chefin ähnlich: Denn nach der Schlussprüfung kann Sari bleiben. Das findet sie auch deshalb super, weil so ihr großes Ziel - eine eigene Wohnung - näher rückt: "Ich spar jedes Monat 100 Euro dafür." Und wohnt einstweilen bei den Eltern.

Ziel Wohnung

Trotzdem findet sie, dass "die Politik" endlich was für die Jungen unternehmen muss: "Es muss mehr Lehrstellen geben. Weil sonst darf sich niemand wundern, wenn es urviele Diebstähle gibt." Sari jedenfalls hat ihren kleinen politischen Beitrag geleistet und heuer erstmals gewählt. Wen denn? - "Den alten da, den Dicken." (DER STANDARD-Printausgabe, 24.11.2005)

Von Eva Linsinger
  • "Viele Betriebe, die früher ausbildeten, haben ihre Produktionsbereiche ausgelagert oder sich spezialisiert, damit fallen Lehrplätze weg"
    foto: standard/corn

    "Viele Betriebe, die früher ausbildeten, haben ihre Produktionsbereiche ausgelagert oder sich spezialisiert, damit fallen Lehrplätze weg"

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