Russland will am Freitag regionalen Notstand ausrufen

24. November 2005, 15:51
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Zweiter Tag ohne Leitungswasser in Großstadt Harbin

Peking - Knapp zwei Wochen nach der Explosion in einem chinesischen Chemiewerk nimmt die Umweltkatastrophe im Nordosten Chinas immer größere Ausmaße an. Chinas Regierung warnte Russland am Donnerstag vor dem 80 Kilometer langen Giftteppich in dem Fluss Songhua. Er mündet an der Grenze beider Staaten in den Amur.

Das mit rund 100 Tonnen hochgiftigem Benzol und Nitrobenzol verunreinigte Wasser treibt auf die am Amur liegende russische Großstadt Chabarowsk zu. Die Giftfracht hatte am Donnerstag die chinesische Millionenstadt Harbin erreicht, wo die Wasserversorgung bereits am Vortag eingestellt wurde.

Bei einem weiteren Chemieunglück, das am Donnerstag bekannt wurde, trat in Chongqing in Südwestchina ebenfalls Benzol aus. Das Gift floss in einen Bach. Die Explosion in dem Werk tötete einen Menschen und verletzte drei. Die Behörden warnten vor Vergiftungen.

Mineralwasser aufgekauft

Russland ist besorgt wegen der drohenden Verschmutzung des Amur durch das verseuchte Wasser aus China. Der regionale Zivilschutz will von diesem Freitag an den Notstand im Gebiet von Chabarowsk ausrufen. In der 600.000 Einwohner zählenden Grenzstadt kauften die Menschen wie im chinesischen Harbin Mineralwasser in den Geschäften auf. Das verunreinigte Wasser soll am 1. Dezember Chabarowsk erreichen, berichtete die Agentur Itar-Tass. Chinas Regierung erklärte dagegen, es werde noch zwei Wochen dauern. Auf russischer Seite entnehmen etwa 1,5 Millionen Menschen ihr Trinkwasser aus dem Amur.

Am Sonntag vor einer Woche hatten sich mehrere Explosionen in der "Jilin Petroleum and Chemical Company" ereignet. Damals wurden mindestens 70 Menschen verletzt. Mehr als 10.000 Menschen mussten nahe der Stadt Jilin ihre Häuser verlassen. Das Fernsehen zeigte, wie sich gelbe und schwarze Rauchschwaden über einem Wohngebiet ausbreiteten. Das ganze Ausmaß des Unfalls wurde zunächst nicht bekannt.

Zweiter Tag ohne Leitungswasser

In der Vier-Millionen-Stadt Harbin mussten die Menschen am Donnerstag den zweiten Tag ohne Leitungswasser auskommen. Die Behörden bemühten sich, tonnenweise Trinkwasser aus Nachbarregionen in die Stadt zu schaffen. Neue Brunnen wurden gebohrt, um mehr Grundwasser zu gewinnen. Lediglich 90 Prozent der Einwohner hätten genug Trinkwasser für drei Tage, hieß es bei Xinhua. Die Wasserversorgung soll dagegen mindestens vier Tage oder länger ausfallen. Die Schulen in Harbin wurden vorerst bis Mitte nächster Woche geschlossen. Viele Menschen verließen die Stadt. Am Bahnhof waren Menschenmassen zu sehen - mehr als in der Hauptreisezeit um das chinesische Neujahrfest. Bahnkarten und Flugtickets waren vielfach ausverkauft.

Um den Fluss zu reinigen, suchten die chinesischen Behörden große Mengen Aktivkohle. Für das Reinigung des Wassers seien 1.400 Tonnen Aktivkohle nötig, doch stünden nur 700 Tonnen zur Verfügung, berichtete die Provinzregierung von Heilongjiang laut amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua.

Die Umweltschutzorganisation WWF zeigte sich besorgt über die Auswirkungen der Umweltverschmutzung auf die Menschen und das Ökosystem in der Region. Bessere Umweltschutzkontrollen sowie mehr Sicherheit in Industriebetrieben müssten durchgesetzt werden. Das Trinkwasser in China sei durch den starken Bevölkerungsdruck und die schnelle wirtschaftliche Entwicklung bedroht. (APA/dpa)

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