Fiona Apple: Schönheit und Schmerz

25. November 2005, 12:19
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Die junge US-Songwriterin festigt mit ihrem neuen Album "Extraordinary Machine" ihren Ruf als eine der größten Tragödinnen im Pop

Man darf sich vom ersten Eindruck nicht täuschen lassen. Diese junge Dame trägt bei allem äußeren Liebreiz das Chaos in sich: "I seem to you to seek a new disaster every day." Gleich der erste, mit Samples aus der Steckdose über eine verspielte Pizzicato-Streichereinlage Richtung Vaudeville und Genre-Gottvater Randy Newman gedeutete und dem Album den Titel gebende Track Extraordinary Machine gibt die Stimmung dieses neuen Albums der US-amerikanischen Songwriterin Fiona Apple thematisch vor. Irgendwann wird die 28-jährige New Yorkerin zwar etwas aus sich herausgehen und für ihre im Bereich der unbeteiligt sonoren Altstimme angesiedelten Vokaltechniken geradezu sensationell, weil enthusiastisch zu kieksen beginnen. Der Grundtenor ist damit aber erst einmal vorgegeben.

Auf die neue Arbeit von Fiona Apple mussten wir lange warten. Zwar geisterte eine erste Fassung von Extraordinary Machine schon länger im Internet herum. Der Plattenfirma waren aber die eher introvertierten Stiller-Horror-Schlager unter der Regie des Produzenten Jon Brion offensichtlich etwas zu wenig zeitgemäß. Oder zu wenig beat-lastig. Nach langen Kämpfen und zu den textlichen Inhalten passenden Tragödien bezüglich künstlerischer Selbstbestimmung wurde das ganze Album jetzt noch einmal von HipHop-Produzent (!!!) Mike Elizondo, bekannt als Toningenieur von Dr. Dre oder Snoop Dogg ..., überarbeitet - wie auch Apple davon überzeugt, dass es doch besser sei, wenn ein Lied ordentlich Krawuzi Kabuzi und nicht Hoppala mache.

Das Ergebnis überzeugt trotz aller aktuellen Mitleidsbekundungen in Fachzeitschriften. Was hier mit forschem Schlagzeug- und Bass-Mix und diversen barocken Streicher- und Bläser-Versatzstücken im Ornamentbereich geboten wird, mag zwar die reine Lehre des guten, wahren, schönen und erschütternden Songwritings zumindest von den Arrangements her etwas in seiner ursprünglichen Wucht mildern.

Inhaltlich gibt sich Fiona Apple, nach einer gescheiterten Ehe mit Hollywood-Regisseur Paul Thomas Anderson (Magnolia, Punch Drunk Love, Boogie Nights) und einem Duett mit dem späten Johnny Cash für Father & Son aus dessen Box Unearthed wieder zurück im Hotel Mama, aber nach wie vor intensiv. Better Version Of Me oder Tymps (The Sick In The Head Song) oder Red Red Red verweisen allesamt auf eine Musikerin, die laut eigener Aussage sowohl "oft tagelang grundlos weint", als auch im beständigen Kampf mit dem inneren Schweinehund liegt. Den gilt es artistisch überhöhend zu überwinden. Oder wie es die deutsche Band Element Of Crime schon einmal auf den Punkt brachte: "Du musst jetzt springen!"

Das alles siedelt die durchaus auch zur spätpubertären Pampigkeit neigende Fiona Apple zwar oft im Grenzbereich an, der von vergleichbaren, allerdings weniger eleganten Songwriterinnen wie PJ Harvey oder Tori Amos für eigene Zwecke beansprucht wird. PJ Harvey, so sie nicht so hoffnungslos anachronistisch im Blues beheimatet wäre. Tori Amos, wenn sie nicht irgendwann Hausfrau und Mutter geworden wäre - und sich deshalb nicht alles im Zusammenhang mit dem Hysterie-Faktor ziemlich beruhigt hätte. Eine eigene Nische gräbt sich Fiona Apple mit dem Extraordinary aber dennoch.

Mit mehr Selbstmitleid in zwölf Liedern, als es die diesbezüglichen Großmeister Depeche Mode über die vier letzten Alben zusammengebracht haben ("Pain. Pain. And some more of pain."), geht es Fiona Apple um die Verhandlung der kalten harten Fakten des Lebens: "Please, please, please, no more maladies! I'm so tired of crying, you'd think I was a siren." Manchmal schießt das über das Ziel hinaus. Manchmal will man am liebsten abdrehen. Manchmal braucht man gerade das. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.11.2005)

Von
Christian Schachinger
  • Fiona Apple  Extraordinary
 Machine (Sony/BMG)
    foto: sony/bmg

    Fiona Apple
    Extraordinary Machine
    (Sony/BMG)

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