Von Weinen und Dromedaren

24. November 2005, 13:04
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Was passiert mit Geschenken an das Staatsoberhaupt? Der Präsident freut sich, erklärte das Protokoll Thomas Rottenberg. Aber dann bleibt manches offen. Auch höflichkeitshalber

Ein Dromedar ist in erster Linie einiges nicht. Ein Kamel beispielsweise. Oder ein historisches Dokument. Oder eine Schreibtischunterlage. Oder eine Flasche Wein. Oder ein Helm. Oder . . .

Obwohl: Die erste Unterscheidung - die, die Kamele und Dromedare strikt voneinander trennt - zählt in diesem Fall nicht. Schlimmer noch: Hier ist ein Dromedar ein Kamel. Aber eben keine Flasche Wein. Gerade weil das noch nie mit erhobenem Zeigefinder gelehrt (oder niedergeschrieben) wurde.

Aber eben weil es nirgendwo steht, darf der Bundespräsident Wein mit nach Hause nehmen. So wie es Absicht des Spenders war. Aber dass der Bundespräsident ein geschenktes Dromedar im Garten hält, erwartet niemand - nicht einmal der Wüstenschiffschenker. Das ist eigentlich ganz einfach. Aber nur solange man nicht nachfragt, wie das eigentlich geregelt ist.

Denn Schenken ist kompliziert. Beschenktwerden erst recht. Zumindest in Hierarchie-Regionen, in denen Heerscharen von Fachleuten damit beschäftigt sind, simple Dinge zu vergesetzlichen: Wer sitzt wo? Wer hält wem die Tür auf? Wer begrüßt wann wen (und vor allem in welcher Reihenfolge)? Aber auch: Wer schenkt wem wann wo was? Und - logisch weiter gedacht - und was soll/kann/darf der Beschenkte eigentlich mit dem Präsent tun? Amtliche Antworten auf derlei gibt "das Protokoll". Das Protokoll ist mehr als Regelwerk. Es ist ein Apparat. Ein Organismus. Hoch entwickelt. Höchst spezialisiert. Extrem elaboriert. Ein diskretes, kakanisches Ganzes: Nie spricht das Individuum als Person aus ihm heraus, immer nur der Apparat durch es. Darum hat das Protokoll auch keinen Namen. Es ist immer einfach nur "das Protokoll". Das gibt ihm Ruhe und Sicherheit.

An der Spitze des Staates läuft das Protokoll zu Höchstform auf. Auch und gerade dort, wo es keine starren Regeln gibt: Schenken - und Beschenktwerden - ist Kunst. Kunst gehorcht dem Gefühl. Dem Fingerspitzengefühl. Dem "G'spür". Aber "das Protokoll" kann "G'spür" natürlich nicht definieren: Die Frage nach den Normen, nach denen mit Geschenken an die Staatsspitze verfahren wird, bleibt im Grunde unbeantwortet. Und die Bitte, Einblick in die präsidialen Geschenklagerhallen nehmen zu dürfen, wird auch nicht erfüllt: Wo liegt und lagert, was dem Staatsoberhaupt je überreicht wurde? Oder worauf der Staatsmann A gönnend zeigte, als er Staatsmann B besuchte. Oder was das Protokoll - stellvertretend für die beiden Staatenlenker - im Um- oder Vorfeld von bilateralen Treffen ausgetauscht hat. (Das gilt dann nämlich ebenfalls als offiziell übergeben.)

Ein Bundespräsident, deutet das Protokoll an, bekomme viel und vor allem zu Verschiedenes, um klar zu regeln oder amtlich zu stapeln - und um bei der Antwort auf obige Frage niemanden vor den Kopf zu stoßen: Von Apfelkörben von Apfelköniginnen über Helme, Hämmer und Werkstücke von Lehrlingswerkstatten, Kinderzeichnungen aus Kindergärten, Jubiläumsbildbänden von Betrieben und Gemeinden, Spezereien- und Spezialitätenkörben von Orten, Gilden und Regionen bis hin zu Bildbänden über ferne Länder, lokalem Kunsthandwerk, Bildern und Büchern fremder Kulturen oder eben (selten aber doch) Dromedaren reicht da das Spektrum. Und natürlich Blumen.

Letztere nach dem Verblühen nicht aufzubewahren scheint normal. Auch dass die Äpfel der Prinzessin - so wie die Viktualien der Delegationen - mit Besuchern und Mitarbeitern geteilt werden, klingt durchaus redlich und statthaft. Bücher, Bände und Dokumente werden archiviert. Zum eventuellen Nachschlagen. Irgendwann. Bilder und Kunst zieren Amtsräume oder gehen an Museen.

Aber das neunte Schreibset? Der 97. Bauhelm? Die 340. Maurerkelle? Das 4758. Bild aus Kinderhand? Oft ist es besser, nicht genau zu antworten - geschweige denn als Regel niederzuschreiben. Was zählt, ist das, was auch gilt: Der Herr Bundespräsident freut sich - und dankt. Herzlich und persönlich. Auch wenn kein Mensch je all die geschenkten Weine trinken könnte, hat ihm der Wein ganz hervorragend geschmeckt.

Nur bei Dromedaren ist das ein bisserl anders. Die kommen in den Zoo. (Der Standard/rondo/24/11/2005)

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