Ein bodenloses Thema

24. November 2005, 22:56
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Es lebt sich einfacher ohne Beckenboden. Wer einen Beckenboden hat, leidet darunter, dass es kein Wort gibt, das unerotischer ist

Es gibt ein Thema, das ist einfach bodenlos. Wenn ich jetzt darüber zu schreiben anfange, dann werde ich scheitern, weil das Terrain ein Abgrund ist. Allerdings ist das Schlimmste beim Scheitern nicht das Scheitern, sondern die Angst davor. Scheitern ist erträglich, man heult ein bisschen, verkriecht sich und leckt die Wunden, oder besser noch, man verkriecht sich bei lieben Freunden und lässt sich die Wunden lecken und sammelt ganz viel böse aggressive Energie und probiert etwas anderes.

Bei der Angst vorm Scheitern ist es so, dass man sich nicht zu scheitern traut, wobei man alle Achtung vor sich selbst verliert. Das ist viel schlimmer. Das Thema, an dem ich jetzt scheitern darf, ist der Beckenboden. Der Beckenboden ist bodenlos. Männer haben keinen, und sie wissen warum. Es lebt sich einfacher ohne Beckenboden. Wer einen Beckenboden hat (über 50 Prozent der Bevölkerung), leidet darunter, dass es kein Wort gibt, das unerotischer als Beckenboden ist.

"Bitte schreib über den Beckenboden!", meinte A. und machte ein genüssliches Gesicht. Der Becken-Boooden ist urwichtig! Es folgte eine Beschreibung der Elektrostimulation des Beckenbodens beim Gynäkologen, und Gynäkologen sind auch ein Thema für sich. Wie kann sich jemand dazu entscheiden, Gynäkologe zu werden? Ist es der berühmte Beckenbodenneid? Aufgeregt ruft M. an. "Ich finde, dass der Beckenboden in die Hände der Frauen gehört. Ich finde es abstoßend, wenn man sich in die Abhängigkeit eines Gynäkologen begibt."

Die Chinesinnen haben Kugeln getragen, um den Beckenboden im Griff zu behalten. Ich hab jetzt von der Herzensfreundin solche Kugeln bekommen. Noch schlimmer ist, dass ich auf dem Bild der Madonna von Lucca solche Kugeln entdeckt habe. Die Kunsthistoriker behaupten, es handle sich um Früchte, aber das ist Unsinn, weil man nach der Niederkunft den Beckenboden stärken muss, dazu braucht man keine Früchte, sondern Beckenbodenkugeln.

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Beckenbodenkugeln. Sie fallen ins Bodenlose . . .
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin (Der Standard/rondo/24/11/2005)

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