Tod im Fahrstuhl

24. November 2005, 21:59
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Es fehlten die schriftlichen Genehmigungen. Gearbeitet wurde nach dem bürokratischen Trägheitsgesetz - eine Gerichtsgeschichte

Wien - In einem schönen, alten, stilsanierten Aufzug in Wien-Josefstadt wurde ein 15 Monate altes Kind erdrückt. Es war mit dem Kopf in den viel zu großen Spalt zwischen Lifttür und Fahrkorb geraten. Elf Techniker, Bauherren und Beamte müssen sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Drei Prozesstage lang war keiner weniger schuld als derjenige, der (oder dessen Verteidiger) gerade am Wort war. Nun wird die mühselige Wahrheitsfindung zu weiteren Zeugeneinvernahmen auf März 2006 vertagt.

Die technischen und amtlichen Missstände sind längst erhoben und liegen auf dem Tisch des Gutachters. Eine große Liftfirma hat den Auftrag zur Sanierung des Aufzugs erhalten, keiner hat sich um den Papierkram gekümmert. Der Abstand zwischen Tür und Wand hätte höchstens zwölf Zentimeter betragen dürfen, nicht 19,2. Das stand aber nirgends, denn es fehlten die schriftlichen Genehmigungen. Gearbeitet wurde nach dem bürokratischen Trägheitsgesetz: "So haben wir's immer gemacht."

Die Angeklagten unterteilen sich in drei Gruppen: Jene, die nie eine Baubewilligung gesehen haben, jene, die (noch) keine Baubewilligung ausgestellt hatten und in jene, die den Aufzug trotzdem auftragsgemäß sanierten, weil das immer so war.

Das wundert Richter Thomas Schrammel. "Das saugt man doch mit der Muttermilch auf, dass in diesem Land ohne Genehmigung nichts geht." - "Damals war das anders", widerspricht ein Monteur. "Mag schon sein, dass sich kein Schwein drum gekümmert hat", sagt der Richter.

Die Baubehörde hat ein reines Gewissen. Ein statisches Gutachten hatte noch gefehlt, so blieben die Papiere ein Jahr liegen. "Wir haben gewartet, bis alles beinander ist", sagt der Beamte: "Im Sinne der Parteienfreundlichkeit." (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 24.11.2005)

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