Die Geschichte von der Rapid-Maus

5. Dezember 2005, 15:58
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Bayern München sorgte für Klarheit bei Rapid - Österreichs Meister ist meilenweit von der Topklasse entfernt

München - Ein Mäuschen, das gerne und im Geheimen Gesprächen über den Fußball lauscht, sollte in Seefeld sein. Dorthin hat es Rapid am Tag nach dem bedenklichen 0:4 gegen Bayern München verschlagen, um sich auf das Meisterschaftsmatch gegen Wacker Tirol am Samstag vorzubereiten. Ein ausschweifendes Beisammensein ist auszuschließen. Kapitän Steffen Hofmann, der sich als einziger den gut gelaunten Bayern mannhaft gestellt hatte, graute vor diesem Seminar im Gebirge. Die Bedingung, in aller Öffentlichkeit gescheitert zu sein, haben die Teilnehmer souverän erfüllt, insofern ist eine Gemeinsamkeit gegeben. Die Champions League sieht man leider, das unterscheidet sie zum Beispiel von Alkoholgelagen. Saufereien finden häufig in der Anonymität statt.

Hofmann (im Sommer dürfte er weg sein, Salzburg und 1860 München sind Kandidaten) stellt sich den Therapietagen natürlich. "Wir müssen vernünftig und hart miteinander reden, dürfen uns nicht zerfleischen. Wir müssen den alten Teamgeist ausgraben."

Trainer Josef Hickersberger mimt den Notarzt, ehe er in die Reha-Klinik "Nationalteam" wechselt. Ob bei Rapid seine Botschaften noch gehört werden, ist fraglich. Kicker neigen dazu, sogar die dümmsten Mechanismen zu akzeptieren. Einer, der quasi weg ist, wird unbewusst recht bewusst ignoriert. Da kann sich der verdienstvolle und die Probleme erkennende Hickersberger noch so zersprageln.

Der Allianz-Arena wird in nächster Zeit (Jahrzehnte?) eine derart hilflose, biedere, desorganisierte und taktisch überforderte Mannschaft wie jene von Rapid erspart bleiben. Sie trat so auf, als würde sie minütlich auf die Uhr blicken und den Schlusspfiff herbeisehnen. "Da hat man die Möglichkeit, im schönsten Stadion der Welt zu sein, und fast alle haben Angst", sagte Hofmann, der sich selbst von dieser Kritik ausnahm. "Die Mutlosigkeit war ein Wahnsinn, völlig unerklärbar."

Meilenweit

Hickersberger betrachtete das Unternehmen "ein österreichischer Meister in der Champions League" als gescheitert. Durfte man sich nach den ersten vier Niederlagen mit Belanglosigkeiten (Pech, Lattenschüsse, Elfer vergeben, eigentlich ganz gut verkauft) trösten oder selbst belügen, war es den Bayern am Dienstagabend vorbehalten, mit der Wahrheit rauszurücken. "Rapid ist meilenweit von den Topklasse entfernt. Man wusste es zwar, wollte es aber nicht akzeptieren."

Die Lage des globalen (dörflichen) österreichischen Fußballs im Hinblick auf die EURO 2008 sei, so der designierte Teamchef, "ernst, nicht hoffnungslos. Da ist der Unterschied nicht so krass wie bei den Klubs. In einem Nationalteam spielen nicht die zwei besten Brasilianer, nicht die zwei besten Franzosen, nicht die zwei besten Deutschen und nicht der gefährlichste Niederländer gemeinsam."

Rapid drohen keine schwierigen Zeiten, Rapid steckt mitten drinnen. Präsident Rudolf Edlinger weiß das. "Unsinn, es wird nicht alles zerfallen. Wir bleiben normal, wirtschaften weiter vernünftig." Am 7. Dezember gastiert Juventus Turin im Happel-Stadion, dann ist die Champions League überstanden. Das arme Mäuschen, das sich einst stundenlang angestellt hatte, um ein Dreierabo zu ergattern, kommt trotzdem (aus Seefeld?) gehuscht. Obwohl es die Wahrheit niemals wissen wollte. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 24. November 2005, Christian Hackl)

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    Meister Rapid, symbolisiert durch Jozef Valachovic, hat ins schönste Gras des Fußballs gebissen.

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