Prag

10. Mai 2005, 22:16
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Susanne Mitterbauer tauchte für zwei Tage in ein konditionsraubendes Freilichtmuseum der Architektur-Geschichte von Romanik bis Bauhaus.

Erster Tag

Die unzähligen Kirchen und Türme, der Burgberg, die Klöster, die Brücken und die barocken Gärten, die Paläste uns namentlich wohlbekannter altösterreichischer Adeliger und die Museen, das alles beschreiben Reiseführer minutiös. Wir befassen uns mit anderen Prioritäten. Mitzubringen wären: kein Auto (es wird gestohlen, steht im Stau oder - auch nicht wirklich sicher - in einer Garage). Zug oder Flug sind zielführender. Weiters gute Schuhe und viel Kondition - das Katzenkopf-Pflaster ist zwar extrem authentisch, aber auch extrem touristenfuß-unfreundlich, Hügel gibt es auch überall. Wache Sinne sind vonnöten, hinter jeder Ecke lauern Überraschungen, positive und negative. Wir beginnen oben am Hradschin und bummeln moldauwärts hinunter vorbei an zumeist mustergültig renovierten Häusern und Palästen (der ehemalige Bruderstaat Rumänien bewohnt einen besonders prächtigen), Barockkirchen, in denen - sehr empfehlenswert - abends Konzerte stattfinden. Wir sind unterwegs auf dem Königsweg, dem unvermeidlichen touristischen Trampelpfad.

Da muss man durch, ebenso muss man über die Karlsbrücke. Vorher aber die Stiegen rechts hinunter, ein kleiner Platz, ein kleines Hotel, ein paar Restaurants, dahinter die Idylle der Kampa-Insel. Wieder auf der Brücke reißen wir uns los von den Malern, Musikern und Kitschverkäufern und bemerken rechts eine ziemlich laszive Kreuzigungsszene und links ein Kruzifix mit hebräischer Aufschrift. Dann schnell ab in die Altstadt. Gekrümmte, schmale Gässchen, keine modern-architektonischen Bausünden in der intakten Bausubstanz. Galerien, Antik-Läden, belebte Innenhöfe, Restaurants, Bierbeiseln. Suchen Sie nach dem Malteserplatz und dem Teinhof und vergessen Sie die dazugehörigen Kirchen nicht. Vorbei an gleißenden Jugendstil-Fassaden landen wir unvermeidlich irgendwann und irgendwie am Wenzelsplatz, der überraschenderweise ein breiter Boulevard ist mit all'den Einheitsgeschäften westeuropäischer Shopping-Malls. Ebenso unvermeidlich kommen wir zum Alten Rossmarkt, der das eigentliche Zentrum darstellt. Abendliches Muss ist ein "Schwarzes Theater" und das Resultat des Tages heißt dann: Erschöpfung.


Zweiter Tag

Prager warnen zu Recht vor den mafiosen Methoden der Taxifahrer, also nehmen wir die Tram 22 für 15 Kronen, das sind sechs Schilling, und kurven um den Burgberg herum downtown. Den Nazis verdankt Prag - ein trauriger Witz der Geschichte - die größte und wertvollste Judaica-Sammlung der Welt. Hitler plante 1942 hier ein "Museum der untergegangenen Rasse". Berührende Momente in einer der Synagogen und auf dem jüdischen Friedhof. Ein paar Schritte weiter noch zur Prachtstraße Parizská. Haute-Couture-Adressen, die man in Wien noch vergeblich sucht, in ritterburg-ähnlichen Gründerzeit-Häusern, elegante Restaurants - unser Tipp heißt Valmont mit Blick auf das hässliche InterCont und das architektonisch höchst bemerkenswerte kubistische Haus gleich nebenan. Architektur-Freunde sind hier überall quasi im siebenten Himmel. Ein paar Oldtimer-Fans vermieten ihre alten Autos zur Stadtrundfahrt, Fiakerpferde tragen Windeln und ein schnaufender Bummelzug führt fußschonend und viersprachig durch die Stadt. Und über allem dröhnen ohrenbetäubende amerikanische Polizei-Sirenen, wohl ein Okkasions-Kauf des früheren Regimes.
Fotos: Tschech. Tourismuszentrale (1), Mitterbauer (5)

Informationen & Details

Anreise: Tyrolean fliegt mehrmals täglich rund 50 Minuten. Ab Flughafen Prag entweder per Bus oder einen Taxigutschein beim Infoschalter lösen. (wegen der Preis-Maffia).
Gute Reiseführer: HB-Bildatlas und Merian classic
Für Kunstfreunde: von 6.-15. Mai findet das Internationale Frühlings-Musikfest statt. Info: festival@login.cz
Für Biertrinker: es muss nicht das riesige "U Fleku" sein, viel besser sind "U Cerného Vola" oder "U Dvou Kocek" oder dorthin, wo die Präsidenten trinken "U Zlatého Tigra".
Zum Ausruhen: Auf der Kleinseite prachtvolle Barockgärten wie die von Wallenstein, Pállfy, Schönborn.
Für Kunstfreunde: das Kloster Loreto ist die prachtvollste Barockkirche und in der Schatzkammer die Diamanten-Monstranz. Das Alfons-Mucha-Museum ist zu einem Kult-Ort geworden.
Am Abend: Lassen Sie sich von Ihrem Instinkt in der Altstadt treiben, Sie finden garantiert Ihre Wasserstelle.
Informationen: Tschechische Zentrale für Tourismus, Tel: (01) 53 32 193, Herrengasse 17, 1014 Wien
Zu guter Letzt: Den Tag früh beginnen, noch bevor die Bushorden unterwegs sind. Den Tag spät enden, um die traumhafte Beleuchtung der Stadt zu genießen. Geldwechseln nie auf der Straße!

Ganz persönlich

Leider fanden sich bis dato noch keine Investoren, die eines der prachtvollen Häuser in ein kleines Luxushotel umfunktioniert hätten. Das berühmte "Grand Hotel" prunkt zwar mit einem perfekten Jugendstil-Outfit, dahinter herrscht öde Tristesse. Aber das "Savoy" am Hradschin ist ein erster Schritt. Perfekte moderne Hotellerie hinter einer Gründerzeit- Fassade, österreichische Leitung und seit Februar diesen Jahres Mitglied der elitären Gruppe "Leading Small Hotel of the World".
Auch die Verpflegung hat so ihre Tücken. Moderne Restaurants kommen und verschwinden sehr schnell und bieten eine international inspirierte Einheitsküche.
Die lokalen Beiseln punkten vergeblich mit fetten Saucen, fettem Fleisch und harten Knödeln, der Becherova wird zu einem Muss. (Der Standard, Printausgabe)

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