Gibt es Leben da draußen?

2. Dezember 2005, 17:31
128 Postings

Der israelische Astrophysiker Daniel Zajfman vom Weizmann Institute of Science in Rehovot holt das Universum in sein Labor

Wien - Was im Anfang war, bleibt Glaubensfrage. Big Bang. 10-43 Sekunden nach irdischer Zeitrechnung später, also vor etwa genau 13,7 Milliarden Jahren, begannen nach derzeitigem Wissensstand jene kosmischen Prozesse, die das Universum zu dem gemacht haben, was wir heute zu kennen glauben. Die kurze Zeitverzögerung zwischen dem Urknall und dem Beginn von Zeit und Raum und den darin wirkenden Kräften hat die Menschheit Max Planck zu verdanken, der die Konstante kurzerhand in die Physik einführte, um bei den Berechnungen nicht mit Quantentheorie und Gravitationstheorie übers Kreuz zu kommen.

Jedenfalls kam damals ein Kreislauf aus Sternengeburt, -leben und -tod in Gang, aus dem alle Materie und schließlich alles Leben hervorging - zumindest auf Erden. Aber: Gibt es Leben da draußen? Eine Frage, mit der sich Astrophysiker Daniel Zajfman vom Weizmann Institute of Science in Rehovot befasst und über die er Dienstag auf Einladung der österreichischen Industriellenvereinigung in Wien referierte und philosophierte.

Um eine Antwort darauf zu finden, verließ der 1959 in Belgien geborene und 1979 nach Israel ausgewanderte Forscher den klassischen Pfad der Astrophysik, die bis vor ein paar Jahren noch eine rein beobachtende Wissenschaft war - ohne Möglichkeit der Intervention. Zajfman holte mit Kollegen des deutschen Max-Planck-Instituts für Kernphysik in Heidelberg das Universum in sein Labor. Zumindest die im interstellaren, mit Gas und Staub gefüllten Raum herrschenden Umweltfaktoren: extrem tiefe Temperaturen und unvorstellbar geringe Dichte. In einer Art kosmischem Reagenzglas untersuchte er dann grundlegende Prozesse, die dazu führen, dass neue Sonnen erstrahlen und neue Planeten entstehen.

Geburt, Leben, Sterben

Außer Zweifel steht für Zajfman, dass im interstellaren Raum weit mehr - auch hoch komplexe - Moleküle herumschwirren als in den Sternen. Woher aber kommen die? "Zunächst einmal aus der Nukleosynthese", sagt er: In den "Fingern" der Gas- und Staubwolken (siehe Foto) verdichtet sich Wasserstoff durch Gravitation über die kritische Masse. Kernreaktion setzt ein, ein Stern ist geboren, Wasserstoff wird zu Helium fusioniert. Im Lauf des Sternenlebens unterliegt auch Helium der Kernreaktion, es entsteht Kohlenstoff, aus diesem Sauerstoff, dann Silizium und schließlich Eisen. Das war's dann. Supernova. Der Stern explodiert und schleudert all diese Materie ins All - diese sammelt sich dann zu neuen interstellaren Gas- und Staubwolken, den Geburtsstätten neuer Sterne. Das Universum, ein gigantisches Recyclingsystem. Und die Planeten der (primär) aus Wasserstoff gebildeten Sterne, vermutet Zajfman, entstehen aus der Verdichtung der "Restmaterie" im umgebenden Gas.

All diese Atome und Moleküle seien auch anderen "Belastungen" ausgesetzt. Kosmische Strahlung und Lichteinwirkung (Photonenbeschuss) könnten neutrale und reaktionsträge Atome zu elektrisch geladenen, reaktionsfreudigen Ionen machen, indem sie ihnen etwa Elektronen aus der Hülle schießen. Zwischen diesen "Radikalen" fände dann die "kalte, interstellare Chemie" statt - neue Moleküle.

Da diese elektromagnetische Wellen absondern, können sie mittels Spektralanalyse identifiziert werden. So konnten Zajfman und Kollegen im interstellaren Raum schon Kohlenoxide, Wasser, Formaldehyde und Alkohole nachweisen. Selbst Aminosäuren seien schon gefunden worden - die Bausteine allen Lebens. Gibt es also Leben da draußen? Zajfmans Antwort: Der deutlichste Hinweis auf "intelligentes" Leben sei, dass dieses "mit uns noch keinen Kontakt aufgenommen" habe. Um intelligentes Leben wie den Menschen hervorzubringen, bräuchte es die "richtige Anordnung" von 1028 Atomen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass diese richtige Anordnung andernorts "rein zufällig" passiert sei, liege bei eins zu zehn hoch zehn hoch achtundzwanzig. Damit war Zajfman wieder bei der Glaubensfrage. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 11. 2005)

  • Daniel Zajfman
    foto: standard/christian fischer

    Daniel Zajfman

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Finger" einer interstellaren Gaswolke: Geburtsstätte neuer Sterne und Hort komplexer Weltraummoleküle

Share if you care.