Wer Pflege braucht, ist auch arm

29. Dezember 2005, 16:44
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77 Prozent sind Sozialhilfebezieher - Kritik an Versicherungsplänen

Wien - Immer mehr Bewohner von Alten-, Wohn-, und Pflegeheimen beziehen Sozialhilfe - sind also im technischen Sinne auch arm. Im Jahr 2003 waren rund 68.000 Personen in derartigen Heimen untergebracht. 52.864 oder 77,7 Prozent von ihnen erhielten (zusätzlich zu Pension und allfälligem Pflegegeld) Sozialhilfe.

Die Zahl der Pflegegeldbezieher ist im Oktober auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Waren es im Vorjahr 297.208 Bezieher, wurde im Oktober 2005 vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger ein Wert von 310.671 registriert. Auffallend ist der hohe Frauenanteil von mehr als zwei Dritteln. Dies ist auf die Altersstruktur zurückzuführen. Frauen werden im Schnitt um fast sieben Jahre älter als Männer, womit auch die altersbedingte Pflegebedürftigkeit zunimmt. Konkret bezogen 211.603 Frauen und 99.068 Männer Pflegegeld.

Bewährtes Modell

Zu diesen von Pensionsversicherung, Unfallversicherung sowie der Beamtenversorgung des Bundes bezahlten Pflegeleistungen kommen noch die von einzelnen Bundesländern ausbezahlten Pflegegelder. Insgesamt liegt die Zahl der Pflegegeldberechtigten derzeit bei mehr als 360.000.

Gegen einen Systemwechsel der Pflegefinanzierung hat sich die grüne Behindertensprecherin Theresia Haidlmayr ausgesprochen. Das derzeitige Modell (einkommensunabhängiges Pflegegeld) habe sich bewährt. Eine Umstellung auf eine Versicherungsleistung würde viele Personen ausschließen, darunter behinderte Kinder. An der Einführung des Pflegegeldes hätten die Länder gut verdient, rechnete Haidlmayr in einer Aussendung vor: "Die Kosten für soziale Dienste, welche von den Ländern betrieben werden, haben sich über Nacht verdoppelt und verdreifacht."

Erst diese Verteuerung der mobilen Betreuung habe viele Patienten in stationäre Pflegeeinrichtungen getrieben.

Das sei vor allem auf dem Land ein Problem, klagt die Gewerkschaft Metall-Textil (GMT): "Viele, die Hilfe im Bereich der Pflege brauchen würden, könnten sich diese nicht mehr leisten." Eine Zweiklassenmedizin dürfe es in Österreich nicht geben, mahnten die GMT-Pensionisten und forderten "rasches Handeln".

Die Aufregung über die systemimmanente Verarmung Pflegebedürftiger ist dennoch umstritten: In einer Studie von IHS und Universität Linz spricht man von einer "Kompression der Morbidität": Die Menschen bleiben länger physisch gesund, womit sich die Pflegebedürftigkeit verschiebe und das Pflegegeldsystem finanzierbar bleibe. (baro/DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2005)

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