Tribut an die Diplomatie

23. November 2005, 18:08
2 Postings

Russland ist zum Schlüsselland bei der Lösung des Iran-Problems geworden - von Gudrun Harrer

Den erwarteten Showdown zwischen Iran und internationaler Gemeinschaft wird es beim heute beginnenden Gouverneursrat der Atomenergiebehörde (IAEO) eher nicht geben. Auch - aber eben nicht nur - mangels Aussicht auf Erfolg haben Großbritannien, Frankreich und Deutschland, mit den USA im Rücken, ihren Plan zurückgenommen, den Fall möglichst schnell an den UNO-Sicherheitsrat zu überweisen.

Wer glaubt, dass das ganz einfach ein Rückzieher ist, irrt - übrigens ist leider auch Teheran mit seinem unerfahrenen Präsidenten, dessen außenpolitische Performance bisher katastrophal war, in Gefahr, diesen Irrtum zu begehen. Im September hatten die EU-3 im IAEO-Board einen beachtlichen diplomatischen Erfolg eingefahren: Indien, das unerwartet für die im Gouverneursrat verabschiedete harte Iran-Resolution stimmte, und, vielleicht noch überraschender, Russland, das sich der Stimme enthielt. Jetzt ist es für die EU-3 und USA Zeit, diesen Ländern, die auf eine diplomatische Lösung außerhalb des Sicherheitsrats drängen, diplomatischen Tribut zu zollen. Noch dazu, wo der Iran-Bericht, den Mohamed ElBaradei vorlegen wird, dem Iran immerhin bescheinigt, seit September der IAEO eine Menge neuer Information und Dokumentation vorgelegt zu haben - was nichts daran ändert, dass sensible Fragen offen bleiben.

Russland ist zum Schlüsselland bei der Lösung des Iran-Problems geworden. Offiziell gegen die harte US-Linie, ist es inoffiziell genauso besorgt über die iranischen Aktivitäten wie der Westen. Der Vorschlag, dass Russland die Anreicherung für den Iran übernimmt, klingt einfacher als er ist, dazu gibt es viele Fragen. Aber die Hoffnung besteht, dass die internationale Gemeinschaft im Fall Iran an einem Strang zieht - und nach einer Lösung sucht, die letztlich auch Teheran zum Vorteil gereichen wird. Denn sicherer wird der Iran durch dieses Atomprogramm nicht, im Gegenteil. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2005)

Share if you care.