Analyse: Die Amerikaner können nur zuschauen

7. Dezember 2005, 11:07
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Talabani im Iran: Bagdad ist von einer Kooperation Teherans abhängig

Bagdad/Teheran/Wien – Der bei seinem Staatsbesuch und der Wiener Islamkonferenz vorige Woche in Wien gefeierte irakische Staatspräsident Jalal Talabani, dessen demokratische Credentials von niemandem in Zweifel gezogen werden, hat soeben einen langen, ebenso herzlichen Staatsbesuch in Teheran beendet – beim Gottseibeiuns der internationalen Gemeinschaft, dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadi-Nejad. Es war der erste Besuch eines irakischen Staatsoberhauptes in Teheran seit Jahrzehnten. Die Patriotische Union Kurdistans (PUK), der Talabani angehört, hat traditionell gute Beziehungen zum Iran, das hat das atmosphärische Umfeld gewiss erleichtert.

Aber Talabani war als irakischer Präsident beim Mann, der gerade mit seinen Israel- Vernichtungsfantasien international Empörung ausgelöst hat. Die Amerikaner schauen schweigend zu: Alles, was ihre Lage im Irak verbessern kann, muss hingenommen werden. Der Iran hat sein – positives oder negatives – Einflusspotenzial beim Nachbarn bei Weitem nicht ausgeschöpft, und die Signale sind oft widersprüchlich. Gerade vor den Parlamentswahlen braucht der Irak die iranische Sicherheitskooperation.

Talabani ist auch bei der Versöhnungskonferenz in Kairo am Wochenende sehr weit gegangen, um den Dialog mit den Gegnern des neuen Irak zu suchen, auch mit den internen – weiter, als es etwa seinem jetzigen politischen Partner und früherem Erzrivalen Massud Barzani (Kurdische Demokratische Partei KDP) lieb ist. Auch hier können die USA nur zuhören, wenn die Angriffe auf US-Einrichtungen im Irak als "legitimer Widerstand" bezeichnet werden und die Vertreter der irakischen Institutionen daneben sitzen. Greifbare Resultate gab es in Kairo keine – der Terminus "Nationale Versöhnung" ist hoch gegriffen. Nationale Versöhnung kann in Postkonfliktsituationen gesucht werden, kaum innerhalb eines blutigen Krieges.

Der erreichte am Dienstag wieder einmal den sonst viel ruhigeren Nordirak, wo bei einem Autobombenanschlag im zwischen Kurden, Arabern und Turkmenen umstrittenen Kirkuk mehr als zwanzig Menschen getötet wurden. Am Mittwoch wurde ein sunnitischer Stammesführer umgebracht, der als zu kooperativ galt – es geht ja darum, die arabischen Sunniten in den politischen Prozess einzubinden. Bei den Parlamentswahlen werden sie diesmal teilnehmen, und dann kommt der entscheidende Moment, in dem im neuen, repräsentativen irakischen Parlament an dem im Oktober durch Referendum abgesegneten Verfassungstext gearbeitet wird.

Die Meinungen reichen von der kurdischen – wie zuletzt Talabani im STANDARD-Interview, der sagte, dass am Text nichts mehr verändert wird – über die schiitische, wo der Bedarf nach Änderungen und Präzisierungen eingesehen wird, bis zur arabisch-sunnitischen, die dem Text in vielen Teilen feindlich gegenübersteht. Einfach wird das nicht. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Print, 24.11.2005)

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