Sanofi-Aventis-Preis für Forschung zu Multipler Sklerose

2. Dezember 2005, 17:30
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Entdeckung von Grazer Wissenschaftern prämiert

Graz - Eine Entdeckung von Grazer Wissenschaftern könnte in Zukunft zu einer individuell besser abgestimmten Therapie der Multiplen Sklerose (MS) führen. Betroffene mit bestimmten Fettvarianten im Blut - Apolipoprotein-epsilon 4 - zeigen offenbar einen wesentlich aggressiveren Verlauf der Erkrankung. Sie müssten wahrscheinlich möglichst frühzeitig und möglichst wirksam behandelt werden.

Darauf weisen Studien eines Teams um Dr. Christian Enzinger von der Abteilung für Neurologie der Medizinischen Universität Graz hin. Enzinger wurde am Mittwoch mit einem Preis der Sanofi-Aventis-Stiftung für eine der besten wissenschaftlichen Studien geehrt. Die Auszeichnungen werden jährlich in Wien, Innsbruck und Graz vergeben und sind mit insgesamt 40.000 Euro dotiert.

Die Krankheit

Rund 8.000 Österreicher leiden an Multipler Sklerose (MS). Die oft schleichend beginnende Erkrankung kann - von Patient zu Patient - einen sehr unterschiedlichen Verlauf haben. Umso wichtiger wäre das Vorhandensein von Prognosefaktoren, um die Therapie möglichst der zu erwartenden Entwicklung der Krankheit anzupassen. "Der Ausgangspunkt war, dass die Entwicklung der MS sehr unterschiedlich verläuft. Am häufigsten beginnt sie bei den Betroffenen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren", sagte Enzinger aus Anlass der Zuerkennung des Preises.

Bei manchen Patienten beginnt die MS mit Schüben, zwischen denen sich wieder vollständige Erholung einstellt. Bei anderen Betroffenen hingegen bleiben gewisse neurologische Defizite zurück oder es kommt überhaupt zu einer ständigen, schleichenden Verschlechterung und zu einem vergleichsweise schnellen Fortschreiten von neurologischen Ausfällen. Wieder andere MS-Patienten zeigen auch über Jahrzehnte einen eher "gutartigen" Verlauf der Krankheit.

Unangenehme Therapie

Der Grazer Wissenschafter: "Klar ist, dass man Kranke, bei denen ein schwerer Verlauf zu erwarten ist, möglichst schon nach dem ersten Schub immunmodulatorisch behandeln sollte." Das ist die einzige Chance, bleibende neurologische Behinderung hinaus zu schieben. Verwendet werden hier regelmäßige Injektionen von Substanzen wie Glatirameracetat oder von Beta-Interferon. Die Therapie ist zumindest teilweise wirksam, aber wegen der regelmäßig zu erfolgenden Injektionen nicht übermäßig angenehm und zum Teil auch mit Nebenwirkungen behaftet. Schließlich und endlich sollten die High-Tech-Medikamente auch aus Kostengründen optimal eingesetzt werden.

Auf der Suche nach solchen Prognosefaktoren wandten sich Dr. Enzinger und seine Co-Autoren dem Apolipoprotein E-epsilon 4 zu (APOE-epsilon 4), einem Eiweißstoff mit möglicherweise zentraler Bedeutung in der Vermittlung von Reparaturvorgängen im Gehirn. Die Wissenschafter untersuchten deshalb 99 MS-Patienten auf die bei ihnen vorkommenden ApolipoproteinE-Varianten, untersuchten sie klinisch und führten Magnetresonanz-Untersuchungen des Gehirns durch, bei denen der Umfang der MS-Herde im Zentralnervensystem sowie die Veränderungen im Gehirnvolumen über einen Zeitraum von durchschnittlich 2,7 Jahren bestimmt wurden.

Enzinger: "Dabei zeigte sich, dass sich bei MS-Patienten mit genetisch bedingter APOE-epsilon4-Variante das Gehirnvolumen jährlich fünf Mal schneller abnahm als bei anderen Patienten." Gleichzeitig zeigten die Magnetresonanz-Bilder bei diesen Kranken auch signifikant mehr MS-Herde mit fokalem Gewebsuntergang im Gehirn ("Black Holes"), was ebenfalls auf eine höhere Intensität und ein aggressiveres Voranschreiten der Krankheit hin deutete. Auf der anderen Seite blieben diese Magnetresonanz-Befunde bei MS-PatientInnen ohne APOE-epsilon4 im Beobachtungszeitraum nahezu unverändert. Somit könnte also eine Untersuchung auf APOE in Zukunft vielleicht jene MS-Betroffenen herausfiltern helfen, die eine besonders intensive immunmodulatorische Therapie benötigen oder auch erklären, warum derartige Therapien bei bestimmten Patienten nicht ausreichend wirken.

Weitere Auszeichnungen -->

Weitere Auszeichnungen

Neben den Autoren der Studie über einen neuen Prognosefaktor für den Verlauf der Multiplen Sklerose - Dr. Christian Enzinger und seine Co-Autoren - wurden am Mittwoch auch noch vier andere Wissenschafterteams geehrt. Hier die Projekte:

1) "Böses" LDL-Cholesterin schädigt direkt Herzmuskelzellen: Zu viel "böses" Cholesterin, also LDL, speziell aber wahrscheinlich oxidiertes LDL, ist die Hauptursache für die Entstehung von Atherosklerose, die wiederum zu den häufigsten Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt. Doch offenbar ist das nicht der einzige Weg, auf dem die schädlichen Blutfette Organschäden verursachen. Sie dürften auch direkt Herzmuskelzellen beeinträchtigen, entdeckten Dr. Klaus Zorn-Pauly und seine Co-Autoren vom Institut für Biophysik in Zusammenarbeit mit dem Institut für Physiologische Chemie am Zentrum für Physiologische Medizin. Dies erfolgt offenbar über eine schädigenden Effekt auf die elektrophysiologischen Eigenschaften der Herzmuskelzellen. Die Muskelzellen neigen unter dem Einfluss von oxidiertem LDL-Cholesterin vermehrt zu Arrhythmien.

2) Leukämie-Rückfälle können durch Genetik erklärt werden: Bei 80 Prozent der Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) kann die Erkrankung durch eine einige Wochen dauernde hoch dosierte Chemotherapie zum Verschwinden gebracht werden. Doch bei 60 Prozent von ihnen taucht die Krankheit später wieder auf. Bei einem Rückfall sind die Behandlungsaussichten ausgesprochen schlecht. Dr. Philipp Staber von der Abteilung für Hämatologie der Abteilung für Innere Medizin haben mit Gen-Chip-Untersuchungen herausgefunden, dass Leukämie-Zellen, bei denen eine bestimmte Signalkaskade vermehrt aktiviert ist (RAF/MEK/ERK), für solche Rückfälle verantwortlich sind.

3) Fettzellen können Fette aus dem Blut auf zwei Wegen aufnehmen: Wenn eine lebensnotwendige Variante der Aufnahme von Fetten aus dem Blut durch Muskel- und Fettzellen beim Menschen nicht funktioniert, springt offenbar ein anderer Mechanismus ein. Dr. Dagmar Kratky vom Institut für Molekularbiologie und Biochemie am Zentrum für Molekulare Medizin und ihre Co-Autoren haben herausgefunden, dass ein bestimmtes Enzym - die Endothel-Lipase - "einspringt" und Fettsäuren aus dem "guten" HDL-Cholesterin mobilisiert. Normalerweise versorgt die Lipoprotein-Lipase aus den Triglyceriden im Blut die Zellen mit Fetten.

4) "Abgeschaltete" Tumorsuppressorgene bei seltener Krebsform: In Österreich werden pro Jahr nur zwei bis drei Fälle von Stroma-Sarkomen der Gebärmutter registriert. Die unterschiedlichen Formen der Erkrankung sind aber genetisch noch kaum untersucht worden. Dr. Andelko Hrzenjak vom Institut für Pathologie wurde für eine Arbeit ausgezeichnet, in der er zeigen konnte, dass die in Sarkom-Zellen erfolgende Herunterregulierung des SFRP4-Gens offenbar zu aggressiveren Tumoren führt. (APA)

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