Türkei: Paradies für Demografen

12. Dezember 2005, 15:12
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Während Europa überaltert, kennt die Türkei keine demo­grafischen Probleme - 60 Prozent der 70 Millionen Türken sind jünger als 30 - Wie Investoren profitieren

Die Investmentstory Türkei glänzte 2001 noch nicht so sehr wie heute. Das Land steckte noch in einer schweren Wirtschaftskrise und mögliche EU-Beitrittsgespräche lagen in weiter Ferne. Bei einer jährlichen Inflationsrate von 70 Prozent und einem realen Wirtschaftswachstum von minus acht Prozent war die Investorenbereitschaft entsprechend gering. Kein Wunder: Nach einem Kursrückgang der türkischen Börse von 85 Prozent zwischen Anfang 2000 und Herbst 2001 und einer Abwertung der türkischen Lira um 50 Prozent im Februar 2001 bekamen sogar die langfristigsten Anleger zittrige Hände. In US-Dollar gerechnet war der ISE National 100 Index im Jahr 2001 auf dem gleichen Niveau wie bereits 1995.

Eines war für Franz Gschiegl, Geschäftsführer der ERSTE Sparinvest, aber schon damals klar: Gründe für ein langfristiges Investment in türkische Aktien existieren genügend. "Neben der günstigen Demographie war der Aktienmarkt bereits damals sehr liquide", erinnert er sich zurück.

Performance und Risiko im Einklang

Das Wagnis, im August 2001 den ESPA Stock Istanbul aufzulegen, hat sich rückblickend, vor allem für die Anleger, gelohnt: Nach einem eher missglückten Start – die Terroranschläge in New York am 11. September 2001 führten zu Kursverlusten von über 30 Prozent am türkische Aktienmarkt in nur einem Monat – ging es zwar volatil weiter. Unterm Strich legte der Fonds aber um 32 Prozent pro Jahr zu und schlug damit den ISE National Index um 2,3 Prozent p.a. Damals war der ESPA Fonds der einzige reine Aktienfonds, der ausschließlich in der Türkei investierte (der 1998 aufgelegte Türkei 75 Plus darf bis zu 25 Prozent des Volumens in türkische Anleihen investieren).

Dass eine so hohe Performance auch mit einem dementsprechenden Risiko verbunden ist, will Manfred Zourek, der den ESPA Stock Istanbul seit September 2002 verwaltet, gar nicht leugnen. So liegt die Kalenderjahrperformance des ISE National 100 Index seit dem Jahr 1998 zwischen plus 299 Prozent (1998) und minus 47 Prozent (1999). Auf Sicht der letzten fünf Jahre weist der türkische Aktienmarkt die höchste Volatilität aller Börsen weltweit – noch vor Venezuela, Argentinien oder Russland – auf. Anleger sollten deswegen einen entsprechend langen Investmenthorizont haben. „Auch für einen langfristigen Sparplan ist der Fonds gut geeignet“, rät Zourek, da durch regelmäßige Einzahlungen das Risiko des falschen Einstiegszeitpunktes minimiert werden kann.

Die Gründe für diese beeindruckende Aktien-Performance liegen in den erfolgreichen wirtschaftlichen Reformen der Türkei. Heute liegt die Inflation bei acht Prozent, die türkische Wirtschaft wuchs seit 2001 um 7,5 Prozent pro Jahr. Die stark steigende Produktivität der Wirtschaft und enorm hohe Auslandsinvestitionen nähren den Boom weiter. Lag etwa der Anteil ausländischer Investoren an der türkischen Börse 2001 noch bei 40 Prozent, so sind es heute schon 66 Prozent. Der Rest teilt sich großteils auf türkische Privatanleger auf.

Welche Gründe sprechen für die Türkei?

Trotz der starken Kursanstiegen – in den letzten zwei Jahren stieg die türkische Börse um 140 Prozent – sind die langfristigen Perspektiven intakt: "Dem Land steht ein enormer wirtschaftlicher Aufholprozess bevor, auch wenn ein eventueller EU-Vollbeitritt noch weit entfernt ist", so Zourek kürzlich vor österreichischen Journalisten in Istanbul. Um gemessen am Pro-Kopf-Einkommen auf Europa aufzuschließen, sei ein BIP-Wachstum von fünf Prozent in den nächsten 25 Jahren notwendig. Dies sei auch realistisch, so der Experte.

Unverändert positiv auch das demographische Umfeld: Während in Österreich der Anteil der über 65-jährigen mit 16 Prozent über dem der unter 15-jährigen liegt, sind 31 Prozent der 70 Millionen Türken jünger als 15 Jahre. Unter 30 Jahren sind 60 Prozent der Bevölkerung. "Für den Inlands-Konsum bedeutet das in den nächsten 20 bis 30 Jahren einen enormen Schub".

Istanbul: Liquidität fünfmal so groß wie in Wien

Übrigens: Der türkische Aktienmarkt ist mit einer Marktkapitalisierung von 110 Milliarden Euro größer als die Wiener Börse mit 90 Milliarden. Beeindruckend aber vor allem die Börsenumsätze am Bosporus: Das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen liegt bei 650 Millionen Euro. Zum Vergleich: In Wien werden pro Tag gerade einmal 120 Millionen Euro umgesetzt.

Welche Fonds liegen vorn?

Wer nun also in türkische Aktien investieren wollte, hatte bis vor kurzem aber noch nicht allzu viel Auswahl: Da der 1998 aufgelegte Türkei 75 Plus theoretisch bis zu 25 Prozent in Anleihen investieren darf bleib bis Ende 2004 einzig der Indexfonds EMIF Turkey als Konkurrent für Zourek über. Seit Auflage im August 2001 konnte sich der ESPA Fonds klar behaupten: Während der ISE 100 Index seit damals um 203 Prozent zulegte, gewann der ESPA Stock Istanbul um 233 Prozent. Die beiden anderen Fonds blieben mit 187 Prozent (EMIF) und 156 Prozent (Türkei 75) sogar deutlich hinter dem Index zurück.

In diesem Jahr hat Zourek aber mehr Konkurrenz bekommen: Dem bereits im Dezember 2004 aufgelegten Magna Turkey von Stefan Böttcher folgte der Fortis L Equity Turkey im April und der DWS Türkei im Juni 2005. Über den relativ kurzen Zeitraum Juni bis November 2005 liegt der Fortis Fonds am Besten. Im Vergleich zum Index schaffte Fondsmanagerin Eli Coen eine Outperformance von 5,4 Prozent, der DWS Fonds schlug den ISE Index um drei Prozent.

Fazit

Wer sich den Kursverlauf der Istanbuler Börse genauer ansieht, dem kann leicht schwindelig werden. Mit einer jährlichen Standardabweichung von 53 Prozent seit dem Jahr 2000 weist der ISE National 100 Index die höchsten Schwankungen aller Börsen weltweit auf. Die Renditen waren in den letzten Jahren jedoch dementsprechend hoch. Langfristig ist der von Manfred Zourek verwaltete ESPA Stock Istanbul am erfolgreichsten. Kurzfristig holen die "Neuen" aber deutlich auf: Vor allem der Fortis L Equity Turkey von Eli Coen sticht weiter positiv hervor.

Alle Daten per 17.11.2005 in Euro (außer anders angegeben) / Quelle: Lipper

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