Wanze hilft bei Blutabnahme

29. November 2005, 17:46
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Forscher entdecken Trick, wie sie Vögeln stressfrei Blut abnehmen können: Sie lassen diese ein hohles Ei mit Mini-Vampir bebrüten

Berlin/Wilhelmshaven - Biologen aus Wilhelmshaven und Berlin haben einem Vorbericht des Journal of Ornithology zufolge eine ebenso elegante wie trickreiche Methode entwickelt, um Vögeln stressfrei Blut abzunehmen. Sie nutzen dazu eine Raubwanze, die sie den Federtieren im wahrsten Sinne des Wortes unterschieben: in einem präparierten Kunststoffei. Die Forscher umgehen damit die für die Vögel stressvolle Prozedur der herkömmlichen Blutabnahme mittels Kanülen, zu deren Zweck die freilebenden Tiere erst gefangen werden müssen. Die eingesetzte Raubwanze Dipetalogaster maximus erledigt die Aufgabe hingegen völlig unbemerkt von den unfreiwilligen Blutspendern.

Dazu wird jeweils ein ganzes Gelege mit künstlichen Eiern ausgetauscht, wovon eines ausgehöhlt und mit einer hungrigen Raubwanze bestückt ist. Diese kann durch eine kleine Öffnung, die mit einem feinen Netz versehen ist, zustechen und das Blut der brütenden Vögel anzapfen. Die Prozedur dauert zwischen zehn und dreißig Minuten. Danach werden die Eier wieder rückgetauscht, inklusive der Blutprobe, die aus der Wanze entnommen werden kann.

Über 100 Mikroliter Blutplasma

In einer kürzlich durchgeführten Teststudie gelang es den Wissenschaftlern Peter Becker vom Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven und Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin mit dieser Methode 78 Blutproben einer brütenden Flussschwalbenkolonie zu bekommen. 68 dieser Proben wiesen mehr als 100 Mikroliter Plasma auf - genug für eine Laboranalyse.

"Das patentierte Verfahren wurde schon bei einigen anderen Tieren wie Fledermäusen, Mäusen, Katzen und Kaninchen erfolgreich angewendet. Die Erprobung an Vögeln stellt allerdings eine Premiere dar", so Vogelforscher Becker. Der größte Vorteil besteht Becker zufolge darin, die Vögel nicht fangen zu müssen, um an genetisches Material heranzukommen: "Manche unter Schutz gestellte Arten dürfen überhaupt nicht eingefangen werden. Andere, die beispielsweise in hohen Bäumen brüten, können wiederum ganz schlecht eingefangen werden", erläutert Becker das Problem. Dazu komme, dass eine konventionelle Probennahme Stress verursache und dadurch die Probe verfälsche, so Becker.

Im aktuellen Fall wollte das Forscherteam anhand von Hormonen und anderer chemischer Parameter im Blut ermitteln, welchem Stress die Elternvögel beim Brüten ausgesetzt sind und ob dies von Faktoren wie Alter und Bruterfahrung abhängt. Voigt, der die Blutabnahme durch Wanzen entwickelt und an zahlreichen anderen Tierarten getestet hat, ist erfreut, dass das Verfahren auch auf Vögel übertragbar ist: "Wir haben keinerlei Reaktion der brütenden Vögel auf den Stich beobachtet". Außerdem habe kein einziges der brütenden Paare sein Gelege aufgegeben, so Voigt. (pte)

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