Soulmusik mit dem gewissen Extra

25. November 2005, 14:36
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Einer der ganz großen Namen des Siebzigerjahre-Soul gastiert in Wien: Gwen McCrae - Die Soul-Diva im STANDARD-Gespräch

Karl Fluch sprach mit Gwen McCrae über Etikettierungen, das Geheimnis ihres Funks und die Gedächtnislücken ihrer Heimat.


Wien - "Wie spät ist es?", will Gwen McCrae mit etwas derangiert klingender Stimme wissen. Auf die Antwort "Sieben", folgt die Frage: "In der Früh oder am Abend?"

Kein Zweifel, die Dame am anderen Ende der Leitung im deutschen Hannover leidet an Jetlag. Sie ist eben erst aus Florida eingeflogen. Das Interview will sie unabhängig von ihren biorhythmischen Störungen trotzdem geben. Schließlich sei sie ein "Pro", also ein Profi. Nicht nur das. Diese Frau ist - so abgenutzt der Begriff auch sein mag - eine lebende Legende. Die Titel und Lobpreisungen, mit denen ihr Werk beschrieben wird, reichen von der "Queen of Rare Groove" bis zur "Goddess of Modern Soul".

Kann sie mit diesen Begriffen etwas anfangen? Gwen McCrae: "Darauf kannst du wetten, Honey! Zwar gab es diese Bezeichnungen damals gar nicht, man hat sie sich erst später in Europa ausgedacht, aber es ist natürlich wunderbar für einen Künstler, wenn er merkt, dass auch nachfolgende Generationen seine Arbeit zu schätzen wissen."

Begonnen hat die Karriere der Frau mit der sexy Stimme in den Sechzigerjahren, als sie bei den The Living Jets, der Band ihres Mannes George McCrae, Background sang. Bald verließen die beiden nämliche Band und formierten sich als Duo.

1967 erkannte die Sängerin Betty Wright das Potenzial der beiden, die bald zu Fixgrößen der Soul-Szene Floridas gehörten. Doch bis zum Durchbruch sollte es noch dauern - bis 1974. In diesem Jahr gelang George McCrae mit Rock Your Baby ein Smash-Hit, der weltweit in den Charts bis ganz nach oben schoss und sich bis heute rund 50 Millionen Mal verkauft hat.

Prominente Mitstreiter

Unter dem Eindruck dieses Erfolgs veröffentlichte Gwen McCrae im Jahr darauf ihr Debütalbum Rockin' Chair, das ebenfalls ein Crossover-Erfolg war, also sowohl die Rhythm-'n'-Blues-Charts als auch die Pop-Charts toppte. Es war das erste einer Reihe von Alben, deren zeitlos elegante Funkiness von Mitstreitern wie den Keyboardern Latimore und Timmy Thomas, von Betty Wright und dem Produzenten Clarence Reid maßgeblich geprägt wurde.

Es sind dies übrigens jene Musiker, die der britischen Soul-Newcomerin Joss Stone vor zwei Jahren zum Durchbruch verholfen haben.

McCraes frühe Alben vereinten relativ vergleichslos die rohe emotionale Tiefe des Südstaaten-Soul mit der Eloquenz des urbanen Rhythm-'n'-Blues der US-amerikanischen Metropolen - und waren auch nicht wenig erotisch aufgeladen. McCrae schmachtend: "Das fügte ich als kleines Extra hinzu."

Heute werden McCraes Alben massiv von HipHop-Künstlern als Samplequellen benutzt und der infizierende Groove von Stücken wie Move Me Baby oder 90% Of Me Is You ist nichts anderes als die Originalvorlage für die Musik von Künstlern wie den Stereo MCs. Ist sie sich dieses Einflusses eigentlich bewusst?

McCrae: "Nein, aber das klingt alles sehr aufregend. Solange das moralisch einwandfrei verwendet wird, ist es mir auch recht. Aber ich werde oft von jungen Produzenten auf den Sound meiner Alben angesprochen. So als gäbe es da ein besonderes Geheimnis dahinter. Das einzige Geheimnis daran ist gar keines, sondern eine Tatsache. Nämlich dass der Mann an den Aufnahmereglern genau so funky sein muss wie die Musiker und die Person am Mikrofon. In meinem Fall war das Clarence Reid."

"Funky Sensation"

Ihm verdankt die heute 62-Jährige neben einer Reihe von Hits auch ihre Wandlungsfähigkeit. Im Vergleich zu vielen anderen Soulstars der Siebziger bedeutet das Auftauchen von Disco nicht das Ende ihrer Karriere, sondern einen weiteren Höhenflug, etwa mit dem Song Funky Sensation.

McCrae: "Ich habe mich immer dagegen gewehrt, in eine Schublade gesteckt zu werden. Wenn man mir mit ,Disco-Queen' gekommen ist, habe ich sofort abgewunken. Ich bin Sängerin. Wie das heißt, was ich singe, ist nicht so wichtig, das sind nur Modenamen. Die kommen und gehen. Ich wollte bleiben."

Zumindest in Europa ist das ihr und anderen Soul-Künstlern, die sich einer aktuellen Renaissance erfreuen - etwa Bettye LaVette oder Solomon Burke - gelungen. McCrae: "In Amerika ist das anders. Dort haben die Leute kein Langzeitgedächtnis. Und es liegt wohl auch am Background, den Rhythm'n'Blues hatte, die soziale Ungerechtigkeit, die Bürgerrechtsbewegung. Daran wollen viele Amerikaner nicht erinnert werden. Deshalb gibt es oft Geringschätzungen und eine Verleugnung der eigenen, ganz amerikanischen Künste wie Blues, Soul oder Funk." (DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2005)

Gwen McCrae & The Soulpower Band live: 26. 11. Porgy & Bess, 1010 Wien, Riemergasse 11. Tel.: (01) 512 88 11. 20.00
  • "Je älter ich werde, desto stärker wird meine Stimme". Der 70er-Jahre Soul- und -Funk-Star Gwen McCrae ("Rockin' Chair") gastiert am kommenden Samstag im Wiener Porgy & Bess. Man nennt das eine "Funky Sensation".
    foto: porgy & bess

    "Je älter ich werde, desto stärker wird meine Stimme". Der 70er-Jahre Soul- und -Funk-Star Gwen McCrae ("Rockin' Chair") gastiert am kommenden Samstag im Wiener Porgy & Bess. Man nennt das eine "Funky Sensation".

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