Lasst den Irving doch reden!

22. November 2005, 19:04
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Der britische Holocaust-Leugner muss vor Gericht, während ehemalige KZ-Schergen ihren Lebensabend genießen dürfen - Kommentar der anderen von Christian Fleck

Narren und Wahrheitsverdreher vom Schlage des britischen Holocaust-Leugners David Irving heute noch vor Gericht zu zerren ist einer liberalen Demokratie unwürdig. Insbesondere dann, wenn gleichzeitig ehemalige KZ-Schergen nach wie vor unbehelligt ihren Lebensabend genießen dürfen.

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Vor wenigen Wochen bekundeten Repräsentanten des offiziellen Österreich wortreich, "niemals zu vergessen". Vor dem Sarg Simon Wiesenthals gelobten sie, seinem Werk ein ehrendes Andenken zu bewahren. Das hat sich offenbar bis zu jenen Polizisten durchgesprochen, die auf der Südautobahn normalerweise Jagd auf Temposünder und ramponierte Ost- Lkws machen.

Bei einer als Routinekontrolle getarnten Aktion ging ihnen in der Nähe von Hartberg ein vermeintlich dicker Fisch ins Netz: Der mit Einreiseverbot belegte und seit 15 Jahren per Haftbefehl gesuchte David Irving sitzt seither im U-Gefängnis.

Die internationale Presse berichtete und das offizielle Österreich freut sich. Wie praktisch, dass der Gefasste noch dazu kein "Unsriger" ist, sondern ein Bürger des "perfiden Albion" – so kann man mit einer kleinen Verhaftung auch noch gleich nachweisen, wo die eigentlich gefährlichen Nazi-Verharmloser zu Hause sind, bei uns sind sie jedenfalls nur auf der Durchreise.

Auch wenn ich nicht um Rat gefragt wurde, erlaube ich mir zu empfehlen, Mr Irving zum Flughafen zu eskortieren und in die nächste Maschine nach London zu setzen und den Fall damit zu beenden, bevor er größeren Schaden anrichten kann.

Der heute 67- jährige Irving, als Historiker ein Autodidakt, was in England nicht ganz so ungewöhnlich ist wie hier zu Lande, irrlichtert seit Jahren durch die Szene revisionistischer und rechtsradikaler Zirkel, obwohl zumindest seit 2000 feststeht, dass er den letzten Kredit längst verspielt hat. Ihm den Prozess zu machen würde ihm nur jene Bühne bieten, nach der er sich so sehr sehnt.

Während Irvings frühe Veröffentlichungen Historiker des Zweiten Weltkriegs nötigten, einige ihrer ihnen lieb gewordenen Wahrheiten zu revidieren, ist Irving seit dem von ihm vom Zaun gebrochenen und schließlich verlorenen Verleumdungsprozess keine ernst zu nehmende Größe mehr. Damit nicht genug, führte dieser Prozess auch zu Irvings finanziellem Bankrott.

Kein Grund zum Mitleid, denn was Irving so von sich gibt, ist pietätlos, vor allem aber sachlich Unsinn und genau das hielt ihm die Historikerin Deborah Lipstadt in einem gut dokumentierten Buch vor, worauf Irving sie und den Penguin-Verlag klagte – und verlor. Der Londoner Richter bescheinigte Irving, ein "Antisemit und Rassist" zu sein, der "die historische Fakten verdreht".

So geschmacklos Irving ist, schreibt und agiert, so wenig ist er geeignet, dafür herzuhalten, aller Welt zu beweisen, dass Österreich die härtesten Gesetze gegen (Neo)nazis hat. Irvings Verbrechen ist nämlich trotz allem ein Meinungsdelikt und als solches kaum geeignet, die Gefahr einer Wiederbegründung der NSDAP zu provozieren, derentwegen er nun in Wien in U-Haft sitzt.

Falsche und böswillig verzerrte Behauptungen sollten in unserer Diskussionskultur durch Widerlegung und – wo nötig – durch Missachtung bestraft werden, aber nicht durch Androhung einer "Haftstrafe von ein bis zehn Jahren, bei besonderer Gefahr bis zu 20 Jahren" (so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien).

Eine der wenigen tiefen Einsichten in das soziale Leben, die entdeckt zu haben die Soziologie zu Recht für sich beanspruchen kann, ist folgende: Ein Rechtssystem kann seine Autorität auch dadurch aufs Spiel setzen, dass es zu viele oder zu belanglose Vergehen unter Strafe stellt oder verfolgt ...

Mehrfach machte in den letzten Jahren der Direktor des israelischen Wiesenthal Zent^rums darauf aufmerksam, dass in Österreich vermutlich noch 47 Personen leben, denen Straftaten, die sie während der NS-Zeit begangen haben, zur Last gelegt werden können. Nach dem Ableben Simon Wiesenthals verkündete die Justizministerin prompt, eine Ergreifungsprämie auszusetzen. Seither hat man nichts mehr davon gehört.

Stille "Olympianer"

Zur Illustration: Eine halbe Autostunde von jener Stelle, an der dem Gesinnungstäter Irving Handschellen angelegt wurden, liegt der Geburtsort eines Dr. Aribert Heim, der an der Universität Wien sein Studium der Medizin abschloss (übrigens, Herr Rektor: wurde ihm das Doktorat aberkannt?).

Dieser Dr. Heim, von dem es auf einem Steckbrief der Polizei Baden-Württembergs heißt "Mensurnarbe verläuft quer zum rechten Mundwinkel, beinahe V-Form" und weiter: "Schuhgrösse 47", ist mittlerweile 91 Jahre alt und nach wie vor in Freiheit, obwohl er im KZ Mauthausen Häftlinge mit Giftspritzen tötete, allein um festzustellen, welches Gift am schnellsten wirke. Zuletzt wurde Heim an der Costa Brava gesehen, wo die Autobahnpolizei Hartberg leider keine Lizenz hat.

Oder: In Klagenfurt freut sich – nach Recherchen der dem Gedenken Wiesenthals verpflichteten "Operation: Last Chance" – Milovoj Asner seines Lebens, ein gebürtiger Kroate, der beschuldigt wird, als Ustascha-Funktionär hunderte Juden, Serben und "Zigeuner" ins KZ verbracht und Tausende andere verhaftet und gequält zu haben. Von Versuchen Österreichs, Leuten wie Heim und Asner habhaft zu werden, war bisher nichts zu hören.

Eine soziologisch fundierte Vermutung würde lauten, dass die Machtbalance in diesen Fällen noch nicht so stark gekippt ist wie im Fall des lächerlichen Mr David Irving, den hier zu Lande niemand mehr schützt und dem niemand mehr zuhört, außer ein paar Mensuren schlagende Olympianer zu Wien.

Die, die Irving nach Österreich eingeladen haben, bleiben im Übrigen auffallend still und unbehelligt. Zu ihnen gehören wohl auch einige, denen nach 2000 ein Pöstchen in Institutionen verschafft wurde, für die die Regierung die Verantwortung trägt – dieselbe Regierung, die am Sarge Wiesenthals Krokodilstränen verströmte.

Ich weiß nicht, warum die Tränen der Krokodile für schiefe Vergleiche herhalten müssen, wohl aber weiß ich, dass es eine Groteske ist, dass Leute, die jemanden zu einem Vortrag über das "Wissen britischer Abhörstellen über die Verhandlungen zwischen Adolf Eichmann und Vertretern der ungarischen Juden" (so Irvings Home^page über den Grund seiner Österreichreise) einladen, im Forschungszentrum Seibersdorf und im Universitätsrat der Universität Wien etwas verloren haben.

Auch wenn ich nicht um Rat gefragt wurde, erlaube ich mir zu empfehlen, diese Irving-Freunde abzuberufen und einem der zahlreichen, sehr begabten österreichischen Dokumentarfilmer einen aus den Mitteln des Krokodilstränenverströmfonds finanzierten Auftrag zu erteilen, sich zuerst Erol Morris' Film "Mr. Death: The Rise and Fall of Fred A. Leuchter" anzusehen und dann einen Dokumentarfilm mit dem Titel "Mr. Untruth: The Rise and Fall of David Irving" zu drehen. Frau Bildungsminister möge dafür sorgen, dass nicht nur ihre Regierungskollegen beides sehen, sondern auch möglichst viele junge und ältere Österreicher/innen.

Für jene, die Erol Morris' Dokumentarfilm nicht kennen: Darin wird der Leugner der Existenz von Gaskammern vorgeführt und nach 91 Minuten glaubt ihm keiner mehr ein Wort, sondern bedauert ihn höchstens ob seiner Irregeleitetheit – so sollte man auch mit "Mr Untruth/Irving" umgehen, statt ihn zu inhaftieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2003)

Christian Fleck ist Soziologe an der Uni Graz und derzeit Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie.
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