"Sehr aufgeblähte Verwaltungsstruktur"

22. November 2005, 18:44
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Kurt Schmid, Bildungsforscher, über Nehmen und Geben in Österreichs Schulverwaltung, Kontrollieren und Unterstützen bei der Schulinspektion und Masterplan statt Mischmasch

STANDARD: Ist Österreichs Schulsystem "überverwaltet"?

Schmid: Österreichs Schul-Governance-Modell (Grafik) ist stark input-gesteuert. Es gibt mehrere vorgelagerte Ebenen, die detailliert festlegen, was in der Schule passieren soll, der Lehrer ist quasi letzte Ausführungsinstanz. Der hohe Grad an Föderalismus führt schon zu sehr aufgeblähten Verwaltungsstrukturen.

STANDARD: Sind Bezirks- und Landesschulinspektoren notwendig - oder weg damit?

Schmid: Da wäre ein Verschlankungsprozess sicher sinnvoll. Man muss sich generell einmal die Funktion der Schulinspektion überlegen. In Ländern mit sehr hoher Schulautonomie gibt es als korrespondierendes Element meistens eine sehr starke Kontrollinstanz. Dort, wo es international Inspektionen gibt, werden sie regelmäßig durchgeführt. In Österreich sind es im wesentlichen Anlassfälle, wenn es ein Problem gibt.

STANDARD: Wie würde man es besser machen?

Schmid: Will man eine Kontrollinstanz, muss man solche Inspektionen regelmäßig und ordentlich standardisiert machen, damit die Schule weiß, was auf sie zukommt. In Finnland wiederum hat Schulinspektion viel mehr eine Unterstützungsfunktion. Man muss sich über die Schulinspektionsrolle klar sein. Beides, Kontrolle und Unterstützung, geht wahrscheinlich nicht.

STANDARD: Wie könnte so eine die Schulen unterstützende Instanz aussehen?

Schmid: Man könnte die Inspektoren weg von der Kontrolle hin zu einer Unterstützungsfunktion umgestalten oder eine neue Institution kreieren. Wichtig ist nur, dass man sich vorher eine Art Masterplan für das Gesamtsystem überlegt. Immer nur an einem kleinen Eck herumzudoktern, birgt die Gefahr, dass die Effekte verpuffen, die man eigentlich installieren will.

STANDARD: Sehen Sie derzeit so einen Masterplan?

Schmid: Ich habe den Eindruck, jetzt passiert eine Art Mischmasch. Man bleibt in den wesentlichen Strukturen, versucht Elemente einer Outputsteuerung einzuführen, etwa Bildungsstandards. Bei der Debatte um Schulinspektoren geht es weniger darum, was deren Aufgabe sein soll, sondern um abschaffen oder nicht, gibt es die Jobs oder nicht. Das halte ich für keinen sehr sinnvollen Ansatzpunkt.

STANDARD: Gilt die Gleichung: Je autonomer die Schulen, desto besser die Leistungen?

Schmid: Jein. Es ist ein Mischbild. Das Spannende ist, dass die Schulen praktisch in allen Ländern, die bei Pisa gut abschneiden, eine höhere Schulautonomie haben. Ich würde schon sagen, dass Schulsysteme mit einem höheren Grad an Schulautonomie das Potenzial haben, dass im Endeffekt bei Schülerleistungen auch mehr herauskommt.

STANDARD: Was könnte man den Schulen sofort übertragen?

Schmid: Mehr Einfluss im Bereich der Lehrerrekrutierung und mehr finanzielle Verwaltungshoheit, etwa für das schulinterne Weiterbildungsbudget für Lehrer, geben. Das wäre sofort machbar, ohne dass man das komplette System umdrehen muss. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD-Printausgabe, 23.11.2005)

ZUR PERSON:

Kurt Schmid (42) ist seit 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw)

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