"Den alten Inspektor gibt's net mehr"

22. November 2005, 18:38
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Wenn sie auftauchten, lehrten sie Lehrer, Professoren und Schüler das Fürchten. Das war gestern, behauptet Inspektor Rudolf Reiter. Heute seien Schulinspektoren Konfliktmanager und Moderatoren

Einmal im Jahr erfasste unsere Schule eine merkwürdige Aufgeregtheit. Die Professoren wuselten durch die Gänge, kleideten sich adretter als sonst und waren irgendwie netter, ja fast kumpelhaft. Dem Geraune auf den Gängen war zu entnehmen: "Der Inspektor" sei im Anrollen. Wir sollten uns daher benehmen und einigermaßen engagiert Rede und Antwort stehen.

Als später ein kleines grauhaariges Männchen mit dem Direktor in die Klasse marschierte, war allen sonnenklar: Diese Figur hat mit jenem Inspektor, den wir aus den Krimiheftln kannten, nichts, aber auch schon gar nichts gemein. Unseren Professoren war es jedenfalls erfolgreich gelungen, davon abzulenken, dass der hohe Besuch eigentlich ihnen und nicht uns galt. Was uns aber nie klar wurde, war: Was macht eigentlich ein Schulinspektor?

Rudolf Reiter, Pflichtschulinspektor im steirischen Bezirk Voitsberg: "Ich habe diese Frage befürchtet, sie ist heute wirklich schwer zu beantworten. Den alten, strengen Inspektor, der den Lehrern auf die Finger schaut, gibt es nicht mehr." Ein Schulinspektor, lernen wir bei Regierungsrat Reiter, sei heute vor allem da, um in Schulkonflikte einzugreifen. Reiter: "Ich denke, das ist der wesentliche Punkt. Wir sind Krisenmanager, Berater, Mediatoren. Wir kommen immer stärker in die soziale Beratungsschiene. Zum Beispiel heute. Wir hatten in aller Früh eine Krisensitzung mit Sozialarbeitern. Es geht um ein Kind, das, na ja, zum Katheder hingepinkelt hat. Es war der Endpunkt einer Entwicklung. Erziehungsberater, verhaltenspädagogische Stützlehrer, alle sind eingeschaltet, das Kind hat schon einen richtigen Staff. Für uns als Schulinspektoren ist es wichtig, zu kalmieren und die Kirche im Dorf zu lassen. Das geht nicht immer. Manchmal entscheiden wir ganz einfach: Geht das Kind halt einmal für eine paar Tage nicht in die Schule, bis sich alles beruhigt."

Ansprechperson

Oder ein anderer Fall: Eine Direktorin habe ihn heute weinend angerufen, weil ein Kind ihrer Schule von den Eltern weggenommen werde. Ein Problemkind, um das sie sich besonders gekümmert habe. Reiter: "Wir Schulinspektoren sind oft die einzige Reflexionsperson der Schuldirektoren, mit denen sie über ihre Probleme reden können."

Natürlich werde auch die Unterrichtsqualität in den Schulen laufend überprüft. Reiter: "Ich geh in eine Klasse und weiß in zehn Minuten, was los ist. Die Klassengestaltung, die Reaktionen der Schüler lassen eindeutige Rückschlüsse zu." Stimmt die pädagogische Qualität nicht, werde mit dem Direktor ein Verbesserungskonzept erarbeitet. Der Schwerpunkt der Inspektorenarbeit liege heute in der Beratung: "Da durchbrechen wir durchaus Tabus. Auch Klassensprecher und Eltern sind heute unsere Gesprächspartner. Was früher dekretiert wurde, wird jetzt relativ aufwändig diskutiert. Da braucht man viel Kommunikationsgeschick."

Das hatte Rudolf Reiter nicht von Haus aus. Eigentlich wollte der gebürtige Bayer Förster werden. Über die Externistenmatura kam Reiter an die Uni und studierte dort Pädagogik, Soziologie und Psychologie. Dann kamen die Familie, der Wunsch nach Stabilität und die Ausbildung zum Lehrer. Deutsch, Geschichte, Biologie. Reiter: "Es hat mir irrsinnig getaugt, in der Schule zu unterrichten. Irgendwann begann mich aber auch die Erwachsenenbildung zu interessieren, auch Schulmanagement und Organisationsentwicklung. Ich machte Kurse, dann stellte sich die Frage der Schulinspektion."

Der Wechsel auf eine höhere schulische Ebene habe die Erwartungen erfüllt, nur werde es zusehend ein Managerjob. Viel Bürokratie, viel Verwaltung. Auch die Schüler hätten sich geändert. Reiter: "Ein Teil der Kinder ist zum Beispiel viel direkter in der Sprache geworden. Emotionale Ausbrüche, auch gegen die Lehrer, sind keine Seltenheit mehr." Und genau hier hapert's, sagt Reiter: "Es fehlen die pädagogischen Ressourcen für Problemkinder, wir brauchen viel mehr Stützlehrer, speziell auch für unsere ausländischen Kinder."

Bleibt noch die Frage: Wer inspiziert eigentlich die Inspektoren? Rudolf Reiter wird vom Vorsitzenden des Bezirksschulrates - in Person des Bezirkshauptmannes - geprüft, dann vom Kollegium des Bezirksschulrates und schließlich vom Landesschulrat, mit dem Präsidenten an der Spitze. Dieser funktioniert streng nach der politischen Farbenlehre - aber das ist eine andere Geschichte. (DER STANDARD-Printausgabe, 23.11.2005)

Von Walter Müller
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