Die Partitur, die der "graue Bote" in Auftrag gab

29. November 2005, 20:50
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Mozarts Requiem im Prunksaal der Nationalbibliothek

Wien – Die Ausstellung ist denkbar klein, aber das ist kein Kriterium. Schließlich ranken sich zu viele Geschichten und Legenden um diese rund 100 Bögen inmitten dieser Schau. Auch sind sie viel zu selten im Original zu sehen, diese Papiere, als dass man drum herum ein großes Brimborium veranstalten müsste: Denn 1991 waren sie zum letzten Mal im Prunksaal der Nationalbibliothek ausgestellt worden, die zwei Originale von Mozarts Requiem. "Sie gehören zum Kostbarsten, das wir besitzen", betont Nationalbibliotheks-Direktorin Johanna Rachinger.

Sonderlicher Adeliger

Vieles weiß man inzwischen über dieses unvollendete Werk – etwa dass Graf Franz Walsegg-Stuppach jener mysteriöse Auftraggeber war, der die Totenmesse über einen Mittelsmann bei Mozart in Auftrag gegeben hatte. Ein eher sonderlicher Adeliger, der sich in Kammermusikrunden mit fremden Komponistenfedern zu schmücken pflegte und der Mozarts Werk dem Tod seiner eigenen Frau widmen wollte, wie Thomas Leibnitz, Direktor der Musikaliensammlung und Kurator der Ausstellung am Dienstag erläuterte.

Auch weiß man nun, dass nach dem Tod Mozarts erst Josef Eybler am Requiem weiter arbeitete – und dann Franz Xaver Süßmayr, der es schließlich vollendete, indem er sogar Mozarts Schrift imitierte, und dann dem Grafen lieferte. Daher die zwei ausgestellten Ausgaben: Eine Arbeits- und eine Abgabepartitur.

Totenmesse

Das mit der Mystifikation hatte jedenfalls gleich nach dem Sterben begonnen – als am 31. Dezember 1791 im Berliner Musikalischen Wochenblatt über Mozarts Tod berichtet wurde. Da war bereits davon die Schreibe, dass nach dem Tode der Körper "schwoll", sodass gar über eine Vergiftung gemutmaßt wurde. Und: "Eine seiner letzten Arbeiten soll eine Totenmesse gewesen seyn."

Dann, noch viel später, die immer noch ungeklärten Vorkommnisse rund ums Werk. 1958, als das Original von der Weltausstellung in Brüssel nach Österreich zurückkehrte – fehlte an einer Seite ein Eck. Eines, auf dem zum dritten Male "quam olim Da Capo" stand. Wie das Eckerl verschwinden konnte und wer dies tat, wurde nie geklärt – doch dieser Vorfall inspirierte Gerhard Roth zu seinem Werk "Der Plan".

Inhaltsgemäße Inszenierung

Dies alles, bis hin zum Echtheitsstreit, wurde von dem Kostüm- und Bühnenbildner Christof Cremer im Prunksaal "gemäß des Inhalts des Werkes inszeniert". Bis zum 29. Jänner 2006 werden die beiden Originale gemeinsam in der Nationalbibliothek gezeigt. Quasi als Vorab-Einstimmung zum Mozartjahr. Zur Schau gestellt in der originalen Hochsicherheitsvitrine, die für den Staatsvertrag angefertigt worden war. Dann werden die Blätter in der großen Albertina-Ausstellung gezeigt. Und zwar "abwechselnd, damit sie nicht zu sehr beansprucht werden", wie Rachinger als verantwortungsvolle Direktorin und Ausstellerin betont. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 23.11.2005)

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