Ab ins Siechenheim?

23. November 2005, 09:02
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Die wachsende Gruppe von Senioren sind wir selbst - Ein Kommentar von Conrad Seidl

Jeder will lange leben, aber alle fürchten auch, alt zu sein: Wir vermeiden den Begriff sprachlich, reden und schreiben von Senioren, wenn wir Alte meinen - und gestehen uns die Angst davor nicht ein, dass wir so hilflos werden könnten wie jene in den letzten Jahren so stark gealterten Verwandten, die wir in unserer eigenen Kinderzeit als junge Leute - als etwa so junge Leute, wie wir selbst es jetzt sind - kennen gelernt haben.

Nein, bitte, so soll es uns nicht ergehen! Wird es aber, sagt die Statistik: Die wachsende Gruppe von Senioren (jene über 60- Jährigen, die Mitte des Jahrhunderts ein Drittel der Bevölkerung stellen werden) ist ja längst geboren. Das sind jene Leute, die heute im Erwerbsleben stehen. Wir selbst.

Ab mit uns ins Siechenheim? Wenn alles so weiterläuft wie bisher, ist das Bild von einem vergreisenden Land tatsächlich nicht von der Hand zu weisen: Wenn heute bei vielen Menschen ab 70 der körperliche und geistige Verfall einsetzt, so könnte das den folgenden - zahlenmäßig größeren - Generationen ebenso drohen. Es ist aber glücklicherweise kein unvermeidbares Schicksal: Die Alten der nächsten Jahrzehnte sind ja die Jungen und Aktiven von heute. Sich gesund zu ernähren, abzunehmen und aktiv zu bleiben - und in der Folge erwiesenermaßen langsamer zu altern - ist ja möglich.

Die Abschaffung der Frühpension wird vielleicht in diesem Sinne sogar als Beitrag zur Gesundheitsvorsorge gefeiert werden - und als ein Gegenstück zu einer verpflichtenden Pflegeversicherung. Sie wird kaum vermeidbar sein - wie hoch aber die Beiträge sind, wird eine Frage der allgemeinen Volksgesundheit sein. Und wer durch eine individuelle Lebensstiländerung vermeiden kann, die Leistungen dieser Versicherung in Anspruch nehmen zu müssen, wird relativ gern einzahlen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2005)

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