Bomben auf Al-Jazeera

22. November 2005, 18:16
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Schön langsam trauen die Menschen dieser US-Administration eben einfach alles zu - Von Gudrun Harrer

Die Geschichte muss natürlich cum grano salis genommen werden. Man braucht sich nur Mimik, Gestik und Stimme des US-Präsidenten kurz vor das innere Auge zu führen - dieses häufige eigenartige Schweben zwischen offensichtlicher Ernsthaftigkeit und einem plötzlichen Feixen, das die soeben kommunizierte Botschaft ad absurdum führt -, um nachzuvollziehen, dass da etwas schief gehen kann: dass ein Witz nicht unbedingt immer hinüberkommt, oder aber auch, dass etwas Ernstgemeintes nicht als solches wahrgenommen wird. Das Dokument, das sich mit der angeblichen Überlegung von George Bush, den arabischen Fernsehsender Al-Jazeera in Katar zu bombardieren, beschäftigt, scheint aber immerhin darauf hinzuweisen, dass Großbritanniens Premier Tony Blair Bush ernst nahm: Sonst hätte er es ihm nicht auszureden versucht. Wie auch immer, dass man eine solche Story nicht mehr sofort als absurden Wahnsinn abtut, ist schlimm genug: Schön langsam trauen die Menschen dieser US-Administration eben einfach alles zu. Denn eines weiß man abseits dieser Geschichte: Im "Kampf gegen den Terror" gibt es keine Regeln. Nun kann man über die Rolle, die Al-Jazeera in den vergangenen Jahren gespielt hat, trefflich streiten. Einerseits war die Gründung eines solchen Senders - des arabischen CNN - ein großer Schritt für die gesamte arabische Welt, was Medien- und Meinungsfreiheit anbelangt, als Teil der von den USA doch so gewünschten Demokratisierung der Region. Als solches ist Al- Jazeera jedoch ein Sprachrohr - für Meinungen und Gefühle, die, fair oder unfair, in der Region den USA gegenüber oft feindlich gesinnt sind. Es stimmt, dass in Konfliktzeiten die Darstellung dieser Meinungen noch zusätzlich Öl ins Feuer gießt. Die Linie zwischen verantwortlichem Journalismus und Alles-sagen-Dürfen ist manchmal sehr dünn. Das wissen die Amerikaner sehr gut - sie haben ja immerhin Fox-News. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2005)
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