Merkels Wahl gilt als "Signal für die Frauen"

25. November 2005, 15:16
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Die Kanzlerin vertraut ihrem "Girls-Camp" - "Das wird Frauen Mut machen, auch zielstrebig ihren Weg zu gehen"

Angela Merkel lächelt selbstbewusst. Sie trägt einen Anzug, Krawatte und raucht genießerisch eine dicke Zigarre. Diese Fotomontage mit dem Titel "Deutschland kann mehr" erschien am Dienstag in großen deutschen Tageszeitungen als Anzeige – aufgegeben von der überparteilichen Initiative "Neue soziale Marktwirtschaft". Es ist eine Anspielung an Kanzler Ludwig Erhard (CDU), in dessen Amtszeit (1963 bis 1966) das deutsche Wirtschaftswunder fiel.

Dicke Zigarren als Insignien der Macht, das gab es auch bei Gerhard Schröder. Merkel raucht keine Zigarren. Anders als die britische Ex-Premierministerin Margaret Thatcher, mit der sie oft verglichen wird, trägt sie auch keine Handtaschen. Für Merkel gibt es keine Schablone, sie ist der Premierenfall. Wie sie ihre neue Machtfülle sichtbar machen wird, muss sich erst zeigen.

"Historischer Tag"

Ihre Wahl wird jedenfalls parteiübergreifend als "Signal für die Frauen" gefeiert. "Das wird Frauen Mut machen, auch zielstrebig ihren Weg zu gehen und Führungsaufgaben zu übernehmen", sagt Merkels neue Bildungsministerin Annette Schavan (CDU). "Ohne jeden Zweifel ist dies ein historischer Tag", meint auch Grünen-Chefin Claudia Roth und fügt hinzu: "Die Politik der Grünen hat viel dazu beigetragen, dass Merkel heute Bundeskanzlerin ist."

Merkel selbst hat auf die Frage, ob sie es bemerkenswert finde, dass sie die erste Kanzlerin Deutschlands sein werde, einmal geantwortet: "Nein, denn ich kenne mich ja nur als Frau." Auch ihre engsten Mitarbeiterinnen sind zwei Frauen: Pressesprecherin Eva Christiansen und Büroleiterin Beate Baumann. Sie beraten Merkel nicht nur inhaltlich, sondern haben mit der Chefin auch deren Stil- Wandel vollzogen. Sie rieten Merkel zur Top-Coiffure statt zur Topf-Frisur.

Merkel hat in der CDU keine wirkliche Hausmacht. Aber sie hat sich im Laufe der Jahre ein feines Netzwerk an (Frauen-)Kontakten geschaffen. Nicht zufällig saßen bei ihrer Wahl auch die Verlegerin Friede Springer (Bild, Welt) und TV-Talkerin Sabine Christiansen auf der Ehrentribüne.

"Girls-Camp" werden Merkels Beraterinnen von Männern etwas despektierlich genannt und da schwingt einiges an Unsicherheit mit. Erfolgreiche Frauen sind vielen immer noch unheimlich – oder wie es Frauenrechtlerin Alice Schwarzer formuliert: "Jeden Posten, den eine Frau hat, hat ein Mann nicht." (DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2005)

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