Ende der Sperrstunde: Briten fürchten Alkoholexzesse

24. November 2005, 22:02
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Am Donnerstag fällt die gesetzliche Sperrstunde um 23 Uhr- ursprünglich sollte sie Brummschädeln bei Arbeitern verhindern

Kleckern wollten sie nicht im "King's Ton", das merkt man sofort. Hinter der mindestens 20 Meter langen Theke zapfen sieben Angestellte pausenlos Bier, wie im Akkord bemüht, den Durst hunderter Kunden zu stillen. Kein Abend, an dem es nicht hoch hergeht in der "Königstonne".

Neue Zeitrechnung

Am Donnerstag bricht dort – wie in rund 700 der zehntausenden britischen Pubs auch – eine neue Zeitrechnung an. Dann läutet der Wirt nicht mehr schon kurz vor 23 Uhr zur "last order", der letzten Bestellung, sondern erst zwei Stunden später. The^o^re^tisch könnte der Gerstensaft auch rund um die Uhr fließen, aber noch bei Sonnenaufgang tief ins Glas zu schauen, das wäre wohl selbst den Trinkfestesten zu viel. Das neue Wirtshausgesetz ist auch so schon eine Revolution.

"Das Saufen schadet uns mehr als alle deutschen‑ U-Boote zusammen", hatte David Lloyd George, Finanzminister des Königreichs, im Jahre 1915 gewettert. "Wir kämpfen gegen drei tödliche Feinde, gegen Deutschland, Österreich und den Alkohol, wobei der Alkohol von allen der tödlichste ist."

Fabriksarbeiter

Im Ersten Weltkrieg eingeführt, sollte die Sperrstunde verhindern, dass die Munitionsarbeiter mit Brummschädeln in die Fabriken gingen.

In "Cool Britannia" bewirkt sie genau das Gegenteil. Es wird nicht weniger gebechert, sondern allenfalls schneller; ein Kampftrinken gegen die Uhr, das oft damit endet, dass lallende Kerle, die tagsüber die nettesten Menschen sein können, in einem Schub aus dem Lokal torkeln. Sie pöbeln, prügeln sich und pinkeln um die Wette auf den Gehsteig.

"Immer in die Vollen" Malcolm Grosvenor hat solche Szenen per Video gefilmt. Damit kämpft seine Bürgerinitiative "Genug ist genug" gegen die Orgien der Schluckspechte an. "Ein Brite trinkt, um sich zu besaufen", knurrt Grosvenor, "wir sind nun mal keine Italiener. Wir begnügen uns nicht mit ein bisserl Rotwein zum Essen, wir gehen immer gleich in die Vollen." Das, glaubt er, werde sich nie ändern. Erst recht nicht, wenn die Sperrstunde fällt.

"Italienisch trinken"

Dabei gibt sich Tony Blairs Kabinettsriege viel Mühe, die neue Zeit in mediterran leuchtenden Farben zu malen. Jetzt, wo der Druck wegfalle, könne man doch ganz in Ruhe an einem Gläschen nippen, "italienisch trinken", wirbt die Toskana-Fraktion des Premiers.

Lazarette

Zugleich warnt Blair vorm Suff als der neuen "englischen Krankheit". Schon jetzt machen verkaterte Zeitgenossen an 14 Millionen Arbeitstagen im Jahr blau. Die Notaufnahmen der Spitäler sind am Wochenende zu 70 Prozent mit Alkoholopfern belegt. In Cardiff und Swansea, zwei beliebten Partystädten, werden in der Adventzeit eigens Lazarettzelte aufgebaut, um die nach Massenschlägereien Verletzten zu behandeln. Damit soll Schluss sein, die neue Lockerheit soll es richten.

Allein, Malcolm Grosvenor glaubt nicht an das Wunder. "Das wird noch schlimmer", orakelt er. Vielleicht liegt es an seinem Wohnort, dass er die Dinge so schwarz sieht, an Kingston upon Thames. Es war einmal ein idyllisches Fleckchen, das Städtchen am Südwestrand von London. Nun aber gibt es 70 Pubs und Nachtbars auf engstem Raum. 1998 öffnete "Works" seine Pforten, der erste große Nachtklub. Ein Sog setzte ein, große Ketten wie Wetherspoon bauten gemütliche Pubs zu gewaltigen Trinkhallen um.

"Überforderte Bobbys" Cool Britannia will feiern, seinen Wohlstand genießen. Doch Grosvenor sieht die Medaille eher von ihrer Kehrseite, spricht von Kampfzonen, Bürgerkrieg und überforderten Polizisten. Freitags und samstags haben die Bobbys bis nachts um drei nur damit zu tun, aggressive Zecher zu trennen. In Zukunft, glauben die Skeptiker, wird sich das vielleicht bis morgens um fünf hinziehen.

Was Malcolm Grosvenor am meisten ärgert, ist, dass Tony Blair nichts von alledem merkt. In dessen Stammkneipe, im "Red Lion", gleich ge^gen^über der Downing Street, bleibt alles beim Alten. Eine spätere Sperrstunde, lautet die Begründung, würde die "öffentliche Sicherheit" zu stark gefährden. (DER STANDARD Printausgabe, 23.11.2005)

Frank Herrmann aus London
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