Der Automat

23. November 2005, 19:25
4 Postings

Von der brutalen Allmacht der Maschinen und dem Leiden ihrer Opfer

Es war zu Mittag. Da standen Kollege G. und ich vor dem Essensautomaten und fluchten. Zuerst verfluchten wir den Automaten. Dann seinen Aufsteller. Dann dessen Kinder. Dann uns selbst. Weil wir es ja wissen müssten. Weil wir aber trotzdem zu faul wären.

Und dann beschlossen wir, glücklich zu sein. Und den Diebstahl als Hinweis darauf zu sehen, dass das verpackte Autobahnraststationsfutter hinter der Glaswand ohnehin Gift ist. Deshalb wäre es besser, Geld in einen Automaten zu werfen, aus dem nichts herauskommt, als für unser Geld auch Ware zu bekommen. Diese Ware zumindest.

Notorischer Dieb

Der Futterautomat klaut nämlich regelmäßig. Auch dann, wenn der Techniker gerade da war und sagt, er habe das Gerät jetzt repariert. Es werde jetzt weder Münzen einfach so verschlucken, noch sie – unverdaut – wieder ausspucken. Und zwar ungeachtet ihrer Herkunft: Früher, am Anfang, hatte sich bei uns nämlich die These gehalten, dass der Essensautomat eben Akzeptanzunterschiede nach der nationalen Herkunft der Geldstücke mache.

Mittlerweile wissen wir aber: Dem ist nicht so. Die Maschine lebt. Sie selektiert, wessen Geld sie einfach nimmt, wem sie Ware ausfolgt (mitunter auch: welche) und wer durchfällt. Und im Gegensatz zur Sicherheit, die – obwohl für ihn selbst tragisch - die Dienstverweigerung des Automaten gegenüber Kottans Polizeipräsidenten für alle anderen Benutzer hatte, herrscht bei uns die reine Willkür der Maschine.

Gewalt

Mitunter greifen wir zu Gewalt. Weil die Automat manchmal so tut, als wolle er uns füttern, die Weckerln aber dann ein paar Millimeter vor dem Auswurfschacht einquetscht. Und nicht mehr loslässt. Dann versuchen wir, die mannshohe Blechbüchse zu kippen. Oder zu schlagen. Manchmal wirkt das. In jedem Fall aber hilft es. Uns: Wir können unsere Aggressionen abbauen.

Die würden sich sonst nämlich gegen uns selbst richten. Weil wir ja längst wissen, dass die Kiste ein Räuber ist. Und darüber hinaus allgemein bekannt ist, dass der nächste Supermarkt keine fünf Minuten weit weg liegt. Selber Schuld, aber egal.

Narretei

Heute aber hat die Maschine uns vollends zum Narren gehalten: Sie nahm meine Münzen – und gab dafür Ware und (welch Glück) auch noch Wechselgeld. Dann aber wollte sie G.s Geld nicht. G. tauschte seine Münzen gegen jene, die der Automat mir gerade entgegengespuckt hatte. Vergeblich. Obwohl er doch genau diese Münzen schon einmal als „echt“ erkannt und angenommen haben musste. (Das hat uns zumindest der Techniker einmal so erklärt). G. tobte. Ich holte meinen Anorak und stapfte zum Supermarkt.

Als ich zurück kam, stand eine Kollegin vor der Kiste und kaute. Sie hatte im Vorbeigehen auf eine Schoko-Taste gedrückt. Seither spuckte die Maschine Süßigkeiten aus. Die Kollegin kaute – und schlug vor, dem Automaten einen Namen zu geben. Schließlich habe er ja auch einen Willen. Also eine Seele. Ihr Vorschlag lag auf der Hand: Pilch.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.